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12.12.12, 12:00

Marktkommentar: Krise? Was für eine Krise denn?

Die Finanzmärkte schwimmen in billigem Notenbankgeld und lassen sich von der allgemeinen Wahrnehmung einer Wirtschaftskrise anscheinend nicht beeindrucken.
Vontobel
Marktkommentar: Krise? Was für eine Krise denn?
Vontobel Marktkommentar
Die Finanzmärkte schwimmen in billigem Notenbankgeld und lassen sich von der allgemeinen Wahrnehmung einer Wirtschaftskrise anscheinend nicht beeindrucken. Die Situation erinnert an "Crisis? What Crisis", ein Werk der Popgruppe Supertramp aus dem Jahr 1975: Auf dem Cover ist ein Mann abgebildet, der sich inmitten einer Industriebrache unter einem Sonnenschirm entspannt.

In Anbetracht der starken Performance der Finanzmärkte ist 2012 bis jetzt ein guter Jahrgang. Weltweit sind die Aktienmärkte um 10 % gestiegen, während die Schuldverschreibungen aus den Schwellenländern sowie hochverzinsliche Wertpapiere Renditen von 10 % - 15 % erbrachten. Staatsanleihen aus Irland, Portugal, Spanien oder Italien schnitten sogar noch besser ab. Selbst die als "sichere Häfen" geltenden Staatsanleihen aus den USA, der Schweiz oder Deutschland verzeichneten trotz einer rekordniedrigen Nominalverzinsung ordentliche Gewinne. Weniger günstig entwickelten sich die Rohstoffmärkte und die Hedgefonds, die aber immer noch positiven Renditen erwirtschafteten.

Lässt sich diese Entwicklung mit besseren Konjunkturaussichten erklären? Die Antwort heisst nein. Ein Vergleich mit den Konsens-Prognosen vor zwölf Monaten zeigt, dass die meisten Regionen die Erwartungen enttäuschten. Eine Ausnahme bilden allein die USA und die Schweiz.

Lässt sich diese Entwicklung auf bessere Ertragsaussichten der Unternehmen zurückführen? Die Antwort heisst ebenfalls nein. Im laufenden Jahr mussten die Analysten ihre Gewinnprognosen mehrfach nach unten revidieren. Gegenüber dem Vorjahr sind die Unternehmensgewinne im Jahr 2012 nicht gestiegen - eine deutliche Enttäuschung.

Zentralbanken und Regierungen geben den Ton an Die Widerstandskraft der Finanzmärkte beruht einzig und allein auf den außergewöhnlichen Stützungsmaßnahmen der Zentralbanken und Regierungen. Die Bemühungen staatlicher Institutionen zur Verhinderung einer Wirtschaftsdepression im Zuge des weltweiten Schuldenabbaus finden ihren Ausdruck in Begriffen wie "quantitative Lockerungsmaßnahmen" (QE), Nullzinspolitik (zero-interest-rate policy, ZIRP), langfristige Refinanzierungsgeschäfte (long-term refinancing operations, LTRO) oder "Outright Monetary Transactions" (OMT, das Anleihen-Kaufprogramm der Europäischen Zentralbank). Diese Kürzel sind zu entscheidenden Wegweisern auf der Anlagekarte geworden. Eine erfolgreiche Anlagestrategie ist ohne Kenntnis der Bedeutung der zugrunde liegenden Begriffe undenkbar.

Wählerisch bleiben

Zentralbanken und Regierungen haben die Eintrittswahrscheinlichkeit systemischer Risiken massiv abgemildert und somit auch dazu beigetragen, dass die Risikoprämien für risikobehaftete Anlageklassen gesunken sind. Allerdings bleibt das Anlageumfeld von übermäßiger Verschuldung, schleppendem Wirtschaftswachstum und negativen Realzinsen geprägt. Zudem besteht wenig Raum für einen Anstieg der Unternehmensgewinne.

Insgesamt bewegen sich die Aktienmärkte in engen Bandbreiten, da eine nachhaltige Hausse ohne Ertragswachstum nicht möglich ist. Eine übermäßige Staatsverschuldung belastet nicht nur das Wirtschaftswachstum, sondern führt auch zu Steuererhöhungen oder Änderungen des rechtlichen Rahmens, die für die Aktionäre negativ ausfallen. Die konjunkturellen Frühindikatoren aus den USA und aus China, die auf eine verbesserte Wirtschaftsdynamik schließen lassen, geben Anlass zu mehr Optimismus für 2013. Die Bollwerke, die die Zentralbanken gegen die Krise eingerichtet haben, sind ebenfalls ein Grund, zuversichtlich zu sein.

Bei den Maßnahmen der Zentralbanken, die zu einer Erholung der Finanzmärkte seit der heftigen Krise des Jahres 2008 beitragen, handelt es sich allerdings um Symptombekämpfung. Eine Heilung bringen sie auf Dauer nicht. Zudem gibt es in der neueren Wirtschaftsgeschichte keine vergleichbaren Fälle von unbegrenzten Liquiditätsspritzen. Wir befinden uns inzwischen auf unerforschtem Gebiet.

Christophe Bernard
Chefstratege Vontobel-Gruppe

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