EUR: Die EUR-USD-Talfahrt der letzten Wochen war nach unseren Analysen nahezu ausschließlich auf USD-Stärke und nicht auf EUR-Schwäche zurückzuführen gewesen. Am Freitag drehte allerdings das Bild. Italien-Spreads (10-jährige BTPs vs. Bunds) bei 215 Basispunkten, ein mögliches Misstrauensvotum in Spanien: Der konstant negative Nachrichtenfluss vom alten Kontinent war dann doch so stark geworden, dass der Devisenmarkt ihn nicht ignorieren konnte. Eine neue systemische Krise schien wieder vorstellbar. Und jetzt? Ist das alles wieder vorbei? Nachdem in Italien Präsident Sergio Mattarella mit seiner Weigerung, Paolo Savona zum Minister zu ernennen, der Regierungsbildung von Giuseppe Conte ein frühes Ende bereitet hat, legt EUR-USD heute im asiatischen Handel wieder kräftig zu. Aus zwei Gründen kann ich mich mit dieser Marktreaktion nicht anfreunden:
(1) Wie soll es denn weitergehen in Italien? Bestenfalls gibt’s Neuwahlen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die EUR-günstiger ausfallen als der letzte Urnengang. Die Vorgänge vom Wochenende passen zu gut ins Narrativ von Populisten. In deren Vorstellungswelt ist Mattarella ein Vertreter des „deep state“, der „alten Autoritäten“, der „liberalen Eliten“ oder wie auch immer die jeweilige Populismus-Spielart diese ihnen allen gemeinsame pseudo-autokratische Verschwörungstheorie beschreiben mag. Mattarellas Weigerung wird diejenigen, die für solchen Quatsch empfänglich sind, nur weiter mobilisieren.
(2) Das Kind ist schon längst in den Brunnen gefallen. Die Gelegenheit, den Euroraum umzubauen und aus dem Schwebezustand, in dem es weder eine no-bailout-Klausel, noch eine Fiskalunion gibt, zu befreien, ist wahrscheinlich schon vertan. Italiens Populisten empören sich darüber, Italien würde in Deutschland als Bettler oder Schnorrer dargestellt. In Wahrheit ist es noch schlimmer. Das Bild, das Italiens Fast-Regierung aus teutonischer Perspektive abgab, war das eines Erpressers, der mit der Drohung einer neuen Euroraum-Krise der EZB und den anderen Euroraum-Ländern schamlos Schuldenerleichterung abpressen wollte. Die Vorgänge der letzten Wochen sind nicht dazu angetan, Pläne à la Macron-Initiative oder Juncker-Initiative, die kleine, aber sichtbare Schritte in Richtung Fiskalunion wären, attraktiver zu machen. Dabei waren es auch diese Pläne, die den Euro in den letzten Quartalen beflügelten. Egal, welche der möglichen Euroraum-Architekturen man präferiert, der Schwebezustand ist aus Devisenmarkt-Sicht der worst case. Denn er macht Krisen, wie sie Italiens Fast-Regierung beinah herbeigeführt hätte, wahrscheinlicher als jede der Randlösungen. Zugleich verhindern die Vorgänge in Italien aber auch die (eh minimalen) Chancen auf politische Durchsetzung einer stabilen Randlösung.
Ach ja, und natürlich ist es mal wieder der Bote, dem die italienische Populisten-Koalition die Schuld in die Schuhe schiebt. Diesmal sind es Rating-Agenturen, die natürlich angesichts der Regierungsbildung ihre Solvenz-Einschätzung für Italien überdenken müssen, die die Koalitionäre als Schuldige ausmachen.
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