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12.10.17, 16:31

Kapitalmarkt-News – Großbritannien: Zinsanhebungen und aufwertendes Pfund nicht nachhaltig

12. Oktober 2017

Der britische Notenbankenchef Carney kündigte Mitte September an, dass die Wahrscheinlichkeit einer Leitzinsanhebung durch die britischen Notenbank Bank of England (BoE) in den kommenden Monaten deutlich ansteigen wird. Dies hat die seit Anfang September eingeleitete Aufwertung des Pfund weiter befeuert. Und dennoch scheint sich seit Ende September eine schwächere britische Währung abzuzeichnen. Ist diese jüngste Entwicklung nur kurzfristig? Auf Grundlage von Konjunktur-, Inflations- sowie strukturellen Entwicklungen in Großbritannien ist die Wahrscheinlichkeit einer nachhaltigen Aufwertung eher gering. Die aktuelle Abwertung ist deshalb fundamental nachvollziehbar, die vorherige Aufwertung nicht.
    

Inflationsanstieg im aktuellen Umfeld kein Grund für Zinsanstieg
Viele Länder haben 2017 unter anderem in Folge der Ölpreiserholung einen Anstieg ihrer Inflationsraten erfahren. So war auch der Anstieg der britischen Inflationsrate generell nicht völlig überraschend. Die britische Inflationsrate ist von 1,3 % im September 2016 auf über 2,7 % im August 2017 angestiegen. Für das Gesamtjahr 2017 wird die Inflationsrate vorrausichtlich bei 2,5 % liegen, was deutlich über dem Wert von 2016 (1,1 %) liegt. Doch wenige Notenbanken würden deshalb die Zinsen erhöhen. Dies gilt vor allem bei risikobehafteten konjunkturellen Aussichten, was in der Euro-Zone lange Zeit der Fall war und aktuell vermehrt für Großbritannien gilt.

Laut BoE ist auch die anhaltende Schwäche des Pfund in Folge der Brexit-Entscheidung ein Grund für den aktuellen Inflationsanstieg. Dieser sollte gemäß BoE-Prognosen seinen Höhepunkt von rund 3 % in den nächsten Monaten erreichen. Danach erwartet die BoE einen Rückgang der Inflationsrate in den kommenden beiden Jahren. Selbst unter der Annahme, dass sie ihren Leitzins über den Prognosezeitraum unverändert bei 0,25 % belässt, wäre laut BoE mit einem deutlichen Rückgang der Inflationsrate auf rund 2 % bis 2019 zu rechnen. Aufgrund dieser Prognosen und vor allem mit Blick auf die hohen Risiken, die sich für die britische Wirtschaft aus den Brexit-Verhandlungen ergeben, bleibt fraglich, ob eine Zinsanhebung der BoE und eine damit verbundene Aufwertung des Pfund zu erwarten ist bzw. zu einer Stabilisierung beitragen würde. Gerade in Phasen einer Nullzinspolitik hat der Devisenkurs als Einflussgröße auf die Wirtschaft an Bedeutung gewonnen. Dies hat auch EZB-Präsident Draghi  in der letzten EZB-Sitzung belegt. Und auch der Erfolg des EZB-Aufkaufprogramms beruht zu einem nicht zu vernachlässigenden Teil auf der daraus folgenden Abwertung des Euro (siehe IKB Barometer Spezial April 2015). Im aktuellen Umfeld würde eine Zinsanhebung der BoE nur dann Sinn machen, wenn der negative Einfluss auf die konjunkturelle Erholung zu vernachlässigen wäre. Doch gerade dies kann aufgrund der Bedeutung des Pfund für die Konjunktur wie auch für die strukturelle Neuausrichtung der britischen Wirtschaft nicht angenommen werden. Dies gilt selbst bei dem aktuell niedrigen Leitzins von 0,25 %. Denn entscheidend ist nicht das Niveau des Leitzinses, sondern der Einfluss einer Veränderung – unter anderem auf den Devisenkurs. Und dieser kann durchaus bedeutend sein, wie die Aufwertung gezeigt hat, die auf Carney’s Aussagen im September folgte.

Schwaches Pfund schafft notwendige Anreize …
Die britische Wirtschaft hat über die Jahre ein solides Wachstum gezeigt, die Arbeitslosenquote sank von rund 8 % Anfang 2013 auf aktuell rund 4,5 %. Doch mit der Brexit-Entscheidung scheint sich das Blatt gewendet zu haben. Grundsätzlich wird in Folge von anhaltender Unsicherheit, höherer Transaktionskosten und Wettbewerbsverlusten ein herausforderndes wirtschaftliches Umfeld für den Standort Großbritannien prognostiziert. Zwar zeigt sich die Konjunktur bis dato stabil. Doch die weitreichenden Auswirkungen eines Austritts stehen der britischen Wirtschaft noch bevor. Denn die Brexit-Verhandlungen kommen nicht in Gange, sodass die Unsicherheit über die weiteren Beziehungen zwischen Großbritannien und der EU weiterhin unsicher sind. Die britische Konjunktur scheint bereits die ersten Folgen zu spüren: Ist die britische Wirtschaft in der zweiten Hälfte 2016 noch um 1,1 % gewachsen, so lag das Wachstum in der ersten Jahreshälfte 2017 nur noch bei 0,7 %.

Die BoE bleibt in ihren Prognosen erstaunlicherweise guter Dinge, was den wirtschaftlichen Ausblick angeht. Zum einen nimmt sie in ihren Prognosen an, dass es eine problemlose Transferphase hin zu einem neuen Handelsregime geben wird. Zum anderen erwartet sie, dass die negativen Effekte des Brexit durch einen grundsätzlichen Anstieg der Investitionen in Folge eines schwachen Pfunds und hoher Kapazitätsauslastung ausgeglichen werden. Hier zeigt sich erneut die bedeutende Rolle des Pfund. Je schwieriger sich die Verhandlungen gestalten und je größer die Unsicherheit über die zukünftige britische Vernetzung mit der EU sein wird, desto notwendiger ist ein schwaches Pfund, um ausreichend Gegenanreize zu schaffen. Nur im Falle schnell ausgehandelter und vor allem für die britische Wirtschaft erfolgreicher Verhandlungen wäre Raum für eine Zinsanhebung, da die daraus folgende Aufwertung des Pfunds weniger bedeutend wäre. Aktuell sieht es jedoch nicht danach aus und die Annahmen bzw. Prognosen der BoE sind mit einem hohen Abwärtsrisiko behaftet. Auch innenpolitisch scheint Vieles in Großbritannien nicht geklärt zu sein, wie die schwindende Unterstützung von Theresa May durch die Bevölkerung aber auch durch die eigene Partei andeutet. So bleibt die Unsicherheit in der britischen Wirtschaft grundsätzlich hoch, was die Investitionsbereitschaft – auf welche die BoE hofft – mehr und mehr belasten wird.
                                                                                                       
… vor allem um die Angebotsseite der Wirtschaft neu auszurichten
Aufgrund der anhaltenden Unsicherheit über die Ausgestaltung des Brexit tut die BoE gut daran, keine überhasteten Zinsanhebungen zu realisieren. Niedrige Zinsen stützen Investitionen, aber vor allem den Konsum und somit die Nachfrageseite der Wirtschaft. Und ein schwaches Pfund erlaubt die Neuausrichtung der Wirtschaft: Steigende Importpreise und Inflation dämpfen zwar das reale Einkommen und somit den privaten Konsum, der mit rund 63 % der größte Block der Binnennachfrage darstellt. Gleichzeitigt wird aber durch internationale preisliche Wettbewerbsvorteile die Angebotsseite der Wirtschaft gestärkt. Eine Abwertung des Pfund stärkt deshalb nicht nur die Nachfrage nach Exporten, sondern führt auch zu Investitionen in den Exportsektor und sorgt für Potenzialwachstum. Konjunkturell wie strukturell kann eine Abwertung deshalb zu einer Verbesserung der Leistungsbilanz bzw. zu einem verbesserten Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage führen. Gerade mit Blick auf den Brexit ist ein mittelfristig schwacher Devisenkurs notwendig, um die Geldpolitik ausreichend expansiv zu gestalten und gleichzeitig Anreize für Investitionen und ein stabiles Potenzialwachstum sicherzustellen. Dies sieht auch Theresa May so, die den Fokus auf die Reindustrialisierung und Globalisierung der britischen Wirtschaft legen möchte (siehe auch Harter Brexit: Pfund wird abwerten). Die IKB erwartet deshalb weiterhin ein relativ schwaches Pfund, getrieben durch die realwirtschaftliche Entwicklungen und eine zögernde Geldpolitik. 

Die EU ist ein wichtiger Zulieferer für den britischen Wertschöpfungsprozess – vor allem im verarbeitenden Gewerbe. Würde das britische Potenzialwachstum in Folge des Brexit leiden, so mag in der Tat eine Zinsanhebung notwendig sein, um das Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage auf einem niedrigeren Wachstumspfad sicherzustellen. Eine durch eine Zinsanhebung verursachte Aufwertung des Pfunds würde die internationale Kaufkraft der Briten erhöhen und den Lebensstandard kurzfristig durch höhere Importe erhalten. Allerdings ist davon auszugehen, dass mit einem sinkenden Potenzialwachstum in Folge nicht ausreichender Investitionen auch die Nachfrage aufgrund einer steigenden strukturellen Arbeitslosigkeit belastet wird, was die Sinnhaftigkeit einer Zinsanhebungen zunichtemachen sollte. Letztendlich ist es die Nachfrage, die die Wirtschaftsdynamik bestimmt. Deshalb ist eine Zinsanhebung auf Grundlage der Erwartung zu vernachlässigen, dass sich durch den Brexit eine Ungleichgewicht in der Wirtschaft herauskristallisiert. 
                                                                                                       
Fazit: Die Wahrscheinlichkeit, dass das britische Pfund weiter aufwertet, bleibt überschaubar. Denn zum einen ergeben sich aus den Brexit-Verhandlungen erhebliche Risiken für die britische Wirtschaft, zum anderen ist ein schwaches Pfund eine wichtige Steuerungsgröße für die strukturelle wie auch konjunkturelle Ausrichtung Großbritanniens nach dem Austritt aus der EU. In solch einem Umfeld wäre eine Zinsanhebung durch die britische Notenbank aktuell nicht nachhaltig – vor allem, wenn das Pfund darauf reagieren würde.

Ansprechpartner in der IKB Deutsche Industriebank AG:

Dr. Klaus Bauknecht
klausdieter.bauknecht@ikb.de

40474 Düsseldorf
Wilhelm-Bötzkes-Straße 1
Telefon +49 211 8221-0

Volkswirtschaft und Research
Telefon +49 211 8221-4118

Herausgeber: IKB Deutsche Industriebank AG
Rechtsform: Aktiengesellschaft
Sitz: Düsseldorf
Handelsregister: Amtsgericht Düsseldorf, HR B 1130
Vorsitzender des Aufsichtsrats: Dr. Karl-Gerhard Eick
Vorsitzender des Vorstands: Dr. Michael H. Wiedmann
Vorstand: Claus Momburg, Dr. Jörg Oliveri del Castillo-Schulz, Dirk Volz

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