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03.02.17, 15:47

Kapitalmarkt-News – US-Erwerbsquote: Schlüssel zur Zinspolitik der Fed

03. Februar 2017

Wie erwartet, hält die Fed an ihrem geldpolitischen Kurs fest. Das überrascht nicht, denn die US-Wirtschaft ist aufs Jahr hochgerechnet im letzten Quartal 2016 um 1,9 % gewachsen, und die Wirtschaftspolitik Trumps wirkt kurzfristig stimulierend. Eher ist es befremdlich, dass die Fed, deren Zinsen preisbereinigt deutlich negativ sind, nur moderate Zinsschritte in Aussicht stellt, während gleichzeitig bei einer Arbeitslosenquote von lediglich 4,7 % vermehrt von Vollbeschäftigung die Rede ist.

 
Allerdings ist es irreführend, die Arbeitslosenquote als alleinigen Indikator des Inflationsdrucks anzuführen. Denn obwohl sie im historischen Vergleich Vollbeschäftigung andeutet, scheint die US-Wirtschaft keine Zeichen einer Überhitzung zu zeigen, geschweige denn eine eskalierende Inflationsrate. Auch ist keine bedeutende Wachstumsbeschleunigung im privaten Konsum zu erkennen, was bei Vollbeschäftigung und steigendem verfügbarem Einkommen aber der Fall sein sollte. Die Erklärung für die aktuelle Entwicklung lässt sich aus der Dynamik der Erwerbsquote ableiten. Die US-Arbeitslosenquote ist nicht nur aufgrund eines andauernden Stellenaufbaus zurückgegangen, sondern auch, weil bis 2015 die Erwerbsquote deutlich gesunken ist: Die Arbeitslosenquote sinkt, weil Menschen, die keine Arbeit finden, den Arbeitsmarkt verlassen.
 
Können weiterhin nur wenige Menschen in den Arbeitsmarkt reintegriert werden und verharrt der Produktionsfaktor Arbeit auf einem niedrigen Niveau, bleibt auch die Erwerbsquote niedrig. Dann mag bei der aktuellen Arbeitslosenquote durchaus von Vollbeschäftigung ausgegangen werden, was unweigerlich inflationären Druck mit sich bringen wird. Dies gilt vor allem auch deshalb, weil das US-Produktivitätswachstum in den letzten Jahren eher nachgelassen hat.
 

 
Die Anzahl der Essensmarkenempfänger hat sich kaum von ihrem Krisenniveau erholt. Noch immer erhalten rund 43,5 Mio. US-Bürger Essensmarken. Ein klares Zeichen dafür, dass die Erholung der Wirtschaft nicht bei der breiten Masse der Beschäftigten und vor allem nicht bei deren realem Einkommen ankommt. Zudem liegt die Erwerbsquote mit 63 % rund drei Prozentpunkten unter dem Vorkrisenniveau. Der prozentuale Anteil der Bevölkerung, der Arbeit hat oder Arbeit sucht, ist auf dem niedrigsten Niveau seit Ende der 70er Jahre. So mag die offizielle Arbeitslosenquote niedrig sein, doch Erwerbsquote und Anzahl der Essensmarkenempfänger deuten darauf hin, dass einer großen Anzahl von US-Bürgern kein oder kein ausreichendes Einkommen zur Verfügung steht. Dies ist ein Zustand, der eher mit einer schwachen Konjunktur korrespondiert als mit Vollbeschäftigung. Sicherlich eine wichtige Erklärung dafür, dass die Fed selbst nach Jahren des Wirtschaftswachstums die Zinsen weiter niedrig hält und eine unterstützende Geldpolitik verfolgt.
 

 
Doch die Ursachen der niedrigen Erwerbsquote sind nicht nur konjunkturelle, sondern auch strukturelle. Sie beinhalten Aspekte wie eine alternde Bevölkerung und längere Studienzeiten. Ein weitere Ursache ist die Frauenerwerbsquote, die 1948 bei 32 % lag, bis 2000 auf 60 % anstieg und seitdem einen flachen Verlauf zeigt, obwohl sie mit rund 57 % weiterhin deutlich unter der Quote der Männer liegt. Der Anstieg der Frauenerwerbsquote zwischen 1966 und 2000 erklärt nicht nur den Anstieg der gesamten Erwerbsquote, sondern auch das hohe Wirtschaftswachstum, dass die USA in dieser Phase erreicht hat. Eine steigende Erwerbsquote bedeutet eine bessere Auslastung des Produktionsfaktors Arbeit. Ist der Anstieg nachhaltig, so fördert dies das Potenzialwachstum. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass seit 2008 eine sinkende Erwerbsquote das Potentialwachstum der USA belastet.
 

 
Die aktuelle US-Arbeitslosenquote ist kein zwingendes Indiz dafür, dass die Fed „der Kurve“ hinterherhinkt, oder dass sich nennenswerter Inflationsdruck aufbaut bzw. beachtliche Zinsanstiege der Fed zu erwarten sind. Entscheidend ist, ob die Erwerbsquote auf Konjunkturerholung und fiskalische Stimulierung ausreichend reagiert. Eine nachhaltig niedrige Quote wäre jedoch ein Indiz für ein niedriges potenzielles Wachstum. Dies wiederum würde implizieren, dass der US-Leitzins grundsätzlich relativ niedrig bleibt. Es bedeutet aber auch, dass die erwartete Stimulierungspolitik durchaus das Potenzial hat, die Wirtschaft zu überhitzen, was den kurzfristigen Handlungsdruck auf die Fed erhöhen würde. Denn reagiert die Erwerbsquote nicht ausreichend auf steigende Löhne, so könnte der Lohndruck selbst bei moderaten Wachstumsimpulsen zunehmen. Empirische Analysen zeigen, dass die Erwerbsquote durchaus auf steigende Löhne reagiert. Eine ansteigende Erwerbsquote würde also – zumindest teilweise – einem aufbauenden Lohndruck gegensteuern. Dies ist an der aktuellen Stabilisierung der Quote auch bereits erkennbar. Allerdings ist es aufgrund der Entwicklung der strukturellen Treiber unwahrscheinlich, dass die Erwerbsquote nachhaltig auf das Vorkrisenniveau steigt. Dies stützt die allgemeine Einschätzung, dass das US-Wachstumspotenzial seit der Finanzkrise gesunken ist und dementsprechend auch der langfristige neutrale Fed-Leitzins niedriger sein sollte. Kurzfristig könnte sich allerdings der Handlungsdruck auf die Fed erhöhen, vor allem, wenn die Fiskalpolitik von Donald Trump nennenswerte Wachstumsimpulse liefern sollte.
 
 
Fazit
 
Zu Beginn der letzten Zinserhöhungsphasen der Fed 2004/2006 lag die US-Arbeitslosenquote bei über 5 %, und die Fed reagierte seinerzeit zügig mit Zinsschritten. Damals war die Erwerbsquote allerdings relativ hoch, und es herrschte Vollbeschäftigung in den USA, was eine geldpolitische Verschärfung sinnvoll machte. Aktuell liegt die Erwerbsquote auf dem niedrigsten Niveau seit Ende der 70er Jahre. Deshalb ist momentan trotz einer Arbeitslosenquote von 4,7 % nicht von Vollbeschäftigung in den USA auszugehen, zumal die Erwerbsquote – anders als bei Vollbeschäftigung – auf steigende Löhne reagiert. Dies dämpft den inflationären Druck und die Ausweitung des US-Leistungsbilanzdefizits in Folge einer erfolgreichen konjunkturellen Stimulierung. Dennoch ist die Fed gefordert, ihre Normalisierungspolitik stetig voranzutreiben, vor allem, wenn sie weiterhin eher moderate Zinserhöhungen vornehmen möchte. Die IKB erwartet in diesem Jahr weiterhin zwei Zinsanhebungen der Fed um jeweils 25 Basispunkte.  
 

Ansprechpartner in der IKB Deutsche Industriebank AG:

Dr. Klaus Bauknecht
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Rechtsform: Aktiengesellschaft
Sitz: Düsseldorf
Handelsregister: Amtsgericht Düsseldorf, HR B 1130
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Vorstand: Claus Momburg, Dr. Jörg Oliveri del Castillo-Schulz, Dirk Volz

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