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28.10.16, 14:48

Kapitalmarkt-News – Globalisierung: ein Auslaufmodell?

28. Oktober 2016

Globalisierung ein Auslaufmodell?

Die Globalisierung steht aktuell in der Kritik, nicht das gebracht zu haben, was von ihr erwartet worden war, besonders nicht im Hinblick auf Wachstumsperspektiven sowie die gerechte Verteilung ihrer Vor- und Nachteile. So wird die zunehmende Vermögensungleichheit oftmals als Folge der Globalisierung gesehen. Prominente Volkswirte wie Nobelpreisträger Joseph Stiglitz sind bereits seit Jahren starke Gegner der eingetretenen Globalisierungsdynamik, wobei sich seine Kritik vor allem auf den uneingeschränkten Handel richtet. Nun spricht auch die deutsche Presse vom Ende der Globalisierung oder, korrekter gesagt, von einer Stagnation der Globalisierungsdynamik und äußert Zweifel an der Nachhaltigkeit dieser Entwicklung. Skeptiker berufen sich primär darauf, dass das Wachstum des Welthandels in den letzten Jahren deutlich nachgelassen hat. Lag das weltweite Exportwachstum zwischen 1996 und 2007 im Schnitt bei knapp unter 7 %, so hat es sich seit der Finanzkrise auf 2,7 % reduziert. Vor diese Krise war der Welthandel im Schnitt doppelt so schnell gewachsen wie das Welt-BIP, eine Dynamik, die seit der Krise nicht mehr erreicht worden ist. Ist Globalisierung nun ein Auslaufmodell, wenn es darum geht, Wachstum und Wohlstand zu erreichen?

 
 
 



 
Globalisierung bedeutet nicht nur freien Handel zwischen Ländern, sondern auch die globale Vernetzung von Produktionsketten sowie den globalen Ausbau von Produktionsstandorten. Deshalb entwickeln sich globale Investitionen und Kapazitäten auf Dauer zu einem ebenbürtigen Maßstab der Globalisierung, so wie es all die Jahre das Handelswachstum war. Dass diese Dynamik seit der Finanzkrise nachlässt, mag auch gerade mit der Globalisierung von Produktionskapazitäten zu tun haben. So werden seit der Finanzkrise zum Beispiel mehr deutsche Autos im Ausland, als im Inland produziert. Die globale Produktion wächst deutlich, der Export von fertigen Autos aus Deutschland entsprechend geringer. Durch Industrie 4.0, sinkende Kosten der Vernetzung von Märkten und Produktionsketten sowie hohes Wachstum, vor allem in großen potenziellen Absatzmärkten wie China oder Indien, sollte die Globalisierung von Produktionsketten und Kapazitäten weiter anhalten, und sich in den kommenden Jahren weniger in den Umsätzen deutscher Unternehmen niederschlagen, als in ihren Bilanzen und im weltweiten Vermögen (siehe auch IKB Barometer Spezial November 2015).
 
Deutschland ist aufgrund seines hohen und in den letzten Jahre stetig zunehmenden Offenheitsgrades (Exporte und Importe relativ zum BIP) besonders abhängig von der Globalisierung. Oftmals werden die hohen deutschen Leistungsbilanzüberschüsse als Globalisierungserfolg dargestellt, doch diese hohen Überschüsse, die in 2015 über 8 % des BIP ausmachten, sind nur teilweise auf die Globalisierung bzw. den Zugang zu globalen Absatzmärkten zurückzuführen. Ebenfalls wichtig sind Aspekte wie die hohe Sparquote. Diese stellt sicher, dass Deutschland trotz moderaten Wachstumspotenzials mehr produziert als konsumiert, was allerdings nur in einer vernetzten Volkswirtschaft machbar ist, die genügend externe Absatzmärkte findet. Außerdem geht die Globalisierung für Deutschland auch mit einer deutlich anteigenden Importquote einher. Die deutschen Importe sind von rund 20 % des BIP in 1990 auf ca. 42 % in 2015 angestiegen. Doch auch Länder mit einem Handelsdefizit sind Profiteure der Globalisierung. Sie können einen Lebensstandard erreichen können, der über ihr eigenes Potenzial hinausgeht. Dies ist vor allem für Schwellenländer relevant, deren Sparquote dem Investitionsbedarf oftmals nicht nachkommen kann. Hier spielt die Globalisierung der Finanzmärkte eine bedeutende Rolle, denn sie stellt die Finanzierung sicher und führt zu sinkenden Zinsen in vielen Schwellenländern. Auch dies kann als eine effizientere Allokation von Produktionsfaktoren angesehen werden.
 
Doch nicht nur die Schwellenländer profitierten von der Globalisierung. Grundsätzlich führt Globalisierung durch Spezialisierung (Arbeitsteilung) und effizientere Allokation von Produktionsfaktoren sowie Nutzung von Skalenvorteilen zu einem generell höheren potenziellen Wachstum. Gerade ein Standort wie Deutschland profitiert davon ungemein. Nur durch Globalisierung kann sich Deutschland auf seine Wettbewerbsvorteile fokussieren und Produkte mit einer größeren Wertschöpfung produzieren. Dies wiederum erlaubt ein BIP, und damit einen potenziellen Wohlstand, der deutlich höher liegt, als ohne diese Spezialisierung. Produktivitätswachstum und Spezialisierung sind angesichts der demografischen Herausforderungen in Deutschland entscheidend für ein stabiles potenzielles Wachstum. Doch dafür sind eine globale Nachfrage- und Angebotsstruktur unabdingbar. 
 
 
 
 


Für Unternehmen erhöht sich das Wachstumspotenzial durch Globalisierung deutlich, da sie Zugang zu globalen Produktionsfaktoren bekommen. So beschäftigen viele mittelständische Unternehmen bereits heute mehr Menschen im Aus,- als im Inland. Der Fachkräftemangel sollte diese Entwicklung weiter vorantreiben. Die Notwendigkeit der Globalisierung von Produktionskapazitäten auf Unternehmensebene ist auch daraus ersichtlich, dass das potenzielle BIP-Wachstum in Deutschland (zwischen 1,3 % und 1,6 %) deutlich unter dem Welt-BIP Wachstum von rund 3,5 % liegt. Eine stabile Partizipation deutscher Unternehmen auf den Weltmärkten ist deshalb nur bei globaler Nutzung von Produktionsfaktoren möglich.
 
Alle Länder, die eine erfolgreiche Industrialisierung durchliefen, z. B. Japan, Südkorea, China und auch Deutschland haben dies durch Exporte bzw. einen Fokus auf globale Wettbewerbsfähigkeit von Industrien erreicht. Im Gegensatz zu Frankreich haben sich deutsche Industrien dem globalen Wettbewerb geöffnet bzw. diesen als wichtigen Impulsgeber akzeptiert. Frankreichs Wirtschaft hingegen hat sich deutlich weniger geöffnet und entsprechend geringeren Wettbewerb bzw. Veränderungsdruck erfahren. Während Anfang der 90er Jahre Aus-und Einfuhren in % des BIP für Frankreich und Deutschland etwa gleich waren, liegt das Verhältnis heute bei ca. 90 % für Deutschland und knapp über 60 % für Frankreich. Die geringere Offenheit der französischen Wirtschaft hat Frankreichs Industrien wenig geholfen, ebenso wenig wie der rigide Arbeitsmarkt, der globale Anpassungen erschwert. Deutschland ist auf globalen Wachstumsmärkten wettbewerbsfähiger. Der Vergleich zwischen Deutschland und Frankreich zeigt, dass eine erfolgreiche Globalisierung der Industrie nur bei einer Liberalisierung lokaler Märkte im Allgemeinen und dem Arbeitsmarkt im Besonderen zusammenhängt. 
 
 
 



 
Südamerika hat Jahrzehnte ein Wirtschaftsmodell verfolgt, bei dem Zölle einheimische Industrien vor internationalen Wettbewerbern schützen sollten. Dabei wurde argumentiert, dass sich die Industrien erst entwickeln müssten, bevor sie in den globalen Wettbewerb eintreten könnten. Leider haben sich die betroffenen Industrien bis heute nicht erfolgreich auf den globalen Märkten behaupten können, trotz jahrzehntelangen Protektionismus bzw. gerade deswegen. Globalisierung ist also kein Übel, an das man sich aufgrund globaler Entwicklungen notgedrungen anpassen muss, sondern eine Opportunität bzw. Chance, nachhaltige Industrien zu entwickeln, und das Wachstumspotenzial eines Landes nachhaltig zu steigern. Die anhaltende Internationalisierung von Märkten, Industrien und ganzen Volkswirtschaften steigert Produktivität und eine effizientere Allokation von Produktionsfaktoren und hat sicherlich einen bedeutenden Beitrag dazu geleistet, dass sich das reale Welt-BIP zwischen 1995 und 2015 – also in den letzten 20 Jahren – trotz der globalen Finanzkrise mehr als verdoppelt hat (von rund 45 Billion US$ auf über 90 Billionen US$ in 2015).
 
In der Diskussion über die Globalisierung wird immer wieder darauf verwiesen, dass viele heimische Arbeitsplätze wegfallen, weil die Produktion in Billiglohnländer abwandert. Doch Abbau von Arbeitsplätzen passiert bei jedem Innovationsprozess. Die Unternehmen stehen im permanenten Wettbewerbsdruck, bessere Güter effizienter, und damit für den Konsumenten billiger herzustellen. Seitdem es Smartphones gibt, will kaum noch jemand ein normales Handy nutzen, nur um Arbeitsplätze bei Nokia zu erhalten. Schumpeters Gesetzt der schöpferischen Zerstörung ermöglicht jedoch immer höhere Produktionsniveaus und Lebensstandards, auch wenn sich dadurch kurzfristig immer Gewinner und Verlierer gegenüberstehen. Entscheidend jedoch ist, den Innovationsprozesses nicht zu stoppen, um einzelnen Interessen gerecht zu werden, sondern die Fähigkeit der Anpassung durch flexiblere Märkte zu erhöhen. Innovation ist ein unaufhörlicher Prozess, der durch die Globalisierung gefördert wird. Deshalb kann auch die globale Allokation von Produktionsfaktoren nur durch Regulierung, und damit einer Reduzierung von Freiheiten, verhindert werden.
 
Wenn Unternehmen als Folge von Innovationen Marktanteile verlieren und Arbeitsplätze abbauen, wird das oft weniger kritisiert, als wenn Arbeitsplätze ins Ausland abwandern? Doch die Fakten zeigen, dass Globalisierung nachhaltige Arbeitsplätze schafft. Deutschland hat heute eine der niedrigsten Arbeitslosenquoten in der Euro-Zone, obwohl viele seiner Unternehmen weniger produktive Arbeitsplätze bzw. ganze Produktionsstandorte ins Ausland verlagert haben. Verantwortlich für diesen guten Arbeitsmarkt werden immer wieder die Reformen Anfang der Jahrtausendwende gemacht. Doch sie sind es nicht alleine. Flexible Arbeitsmärkte und nachhaltige globale Wettbewerbsfähigkeit haben zu einer ständig ansteigenden Anzahl von erwerbstätigen Personen in Deutschland geführt.
 
Globalisierung wird oft als Ursache für eine zunehmende Ungleichheit in der Einkommensverteilung gesehen. Während Löhne durch Wettbewerb unter Druck stehen, steigen Gewinne von Unternehmen. Dem ist entgegenzuhalten, dass Globalisierung die Kaufkraft der Konsumenten deutlich steigert, da sie aufgrund einer effizienteren Allokation von Produktionsfaktoren zu Preissenkungen führt. Auch scheint es weniger die Globalisierung per se zu sein, die die Lohn- und Vermögensschere ausweitet, sondern der erhöhte Wettbewerbsdruck vor allem auf weniger qualifizierte Arbeit. Hier liegt die Lösung in Bildung, und damit größerer Produktivität. Es ist Vorsicht geboten, alle weniger erfreulichen Trends in der Wirtschaft auf die Globalisierung zu schieben. Die österreichische Schule argumentiert, dass die steigende Einkommens- und Vermögensungleichheit der letzten Jahrzehnte, vor allem auf die Notenbanken und ihre exzessive Geldmengenausweitung zurückzuführen ist, die bestimmten Gruppen der Gesellschaft ein privilegiertes Recht verschafft, durch Geld drucken einen größeren Anteil an realen Werten zu erhalten (siehe Marquart & Bagues, 2016: Blind Robbery!).
 
Fazit
 
Da Wirtschaft und Wohlstand in Deutschland nun schon seit mehreren Jahren stabil wachsen, werden die Ursachen dafür oftmals vergessen, und Verteilungsfragen treten in den Vordergrund. Dies scheint bei der aktuellen Diskussion über die Globalisierung, deren Nachhaltig- und Sinnhaftigkeit aktuell angezweifelt wird, nicht anders zu sein. Zwar sinkt die Wachstumsrate des globalen Handels, doch wer daraus ein Ende der Globalisierung ableitet, vernachlässigt wichtige Aspekte.
 
Der Globalisierungsprozess bleibt mit all seinen Dimensionen wichtiger Bestandteil der globalen Wachstumsdynamik. Innovationen und eine effizientere Allokation sowie Nutzung von Produktionsfaktoren werden durch die Globalisierung vorangetrieben und sind gerade für Deutschland entscheidende Wachstumstreiber; denn Deutschland weist ein deutlich geringeres Potenzialwachstum als die Weltwirtschaft auf. Für deutsche Unternehmen ist deshalb die Nutzung globaler Produktionsfaktoren wichtig, um ihr Wachstum und ihre globale Wettbewerbsfähigkeit sicherzustellen.
 
Oft wird argumentiert, Globalisierung führe zu zunehmender Einkommens- und Vermögensungleichheit. Dabei ist nicht die Abkehr von freien Märkten die Lösung, sondern eine globale Spezialisierung, die Wohlstand nachhaltig ansteigen lässt. Die deutsche Industrie ist hierfür ein Beispiel.  
 

Ansprechpartner in der IKB Deutsche Industriebank AG:

Dr. Klaus Bauknecht
klausdieter.bauknecht@ikb.de

40474 Düsseldorf
Wilhelm-Bötzkes-Straße 1
Telefon +49 211 8221-0

Volkswirtschaft und Research
Telefon +49 211 8221-4118

Herausgeber: IKB Deutsche Industriebank AG
Rechtsform: Aktiengesellschaft
Sitz: Düsseldorf
Handelsregister: Amtsgericht Düsseldorf, HR B 1130
Vorsitzender des Aufsichtsrats: Dr. Karl-Gerhard Eick
Vorsitzender des Vorstands: Dr. Michael H. Wiedmann
Vorstand: Claus Momburg, Dr. Jörg Oliveri del Castillo-Schulz, Dirk Volz

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