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19.08.16, 08:00

Meinung weekly: Das irische Wirtschaftswunder

Weltrekord. Mit einem Wirtschaftswachstum von 26 Prozent ist Irland unter den entwickelten Volkswirtschaften im vergangenen Jahr mit großem Abstand am stärksten expandiert. Für Jubel besteht jedoch kein Anlass. Denn diese Zahl hat wenig mit der wirtschaftlichen Realität zu tun und führt vor Augen, dass es sogar gefährlich sein kann, in der Wirtschaftspolitik einen derart einseitigen Fokus auf das Bruttoinlandsprodukt (BIP) zu haben, wie das heutzutage der Fall ist. In Irland kommt die absurd anmutende Wachstumszahl offenbar durch besonders starke Gewinnverlagerungsaktivitäten ausländischer Unternehmen nach Irland zustande. Das Problem ist jedoch grundsätzlicher.

Denn die BIP-Entwicklung ist die entscheidende Orientierungsgröße für die Finanz- und die Geldpolitik, obwohl es (neben dem Gewinnverlagerungseffekt) zahllose andere Faktoren gibt, die das BIP von jeher zu einer fragwürdigen Messgröße machen. Stichworte sind hier beispielsweise falsche Preisbereinigungsverfahren, undurchsichtige Schätzungen des informellen Sektors, Digitalisierungseffekte und Nichtberücksichtigung von Hausmann/-frauenaktivitäten.

Angenommen, die irische Wirtschaft wäre auf dem Papier um 26% geschrumpft (was offensichtlich ohne weiteres denkbar ist), dann fiele das BIP der Eurozone um etwa einen halben Prozentpunkt niedriger aus. Sollte EZB-Chef Mario Draghi dann sofort den Geldhahn weiter aufdrehen und Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker seine Investitionspläne aufstocken? Natürlich nicht, denn an der tatsächlichen Wirtschaftsleistung der Region hätte sich praktisch nichts geändert. Schuldenobergrenzen und Stabilitätspakte, bei denen die Schulden ins Verhältnis zum BIP gesetzt werden, und die ein wesentliches Element der Wirtschaftspolitik der Eurozone und anderer Länder darstellen, können vor diesem Hintergrund bestenfalls als gut gemeinte Leitplanken interpretiert werden. Bei Irland kann man dies sicherlich nicht behaupten: Dort ist durch die Revision der BIP-Zahlen die Verschuldungsquote von 94% auf 79% des BIP gefallen.

Auch im internationalen Kontext ist die Konzentration auf das BIP höchst fragwürdig, da es als Machtfaktor missbraucht werden kann. So leiten sich die Stimmrechte in internationalen Organisationen aus den Kapitalanteilen ab, die sich ihrerseits unter anderem aus dem wirtschaftlichen Gewicht (gemessen durch das BIP) der einzelnen Staaten ergeben. Indiens Ehrgeiz, eine höhere Wachstumsrate als China aufzuweisen und dies über eine Änderung in der Erfassung des BIP zu erreichen, hat möglicherweise auch mit der-artigen strategischen Überlegungen zu tun. Zu allem Überfluss machen sich auch die Finanzmarktteilnehmer den Fokus auf das BIP zu eigen, so dass die Veröffentlichung der Wachstumszahlen allzu häufig zu größeren Ausschlägen bei Zinsen und Wechselkursen führt.

Bei alledem sollte man jedoch nicht das Kind mit dem Bade ausschütten, in dem man das BIP gänzlich aus der wirtschaftspolitischen Debatte verbannt. Die Politik sollte jedoch so ehrlich sein und andere Konjunkturindikatoren in gleichberechtigter Weise berücksichtigen. Nur auf diese Weise können sie differenzierter kommunizieren, wobei es ein komplettes Bild niemals geben wird. Deshalb ist auch die Vehemenz zu kritisieren, mit der die EZB und andere Zentralbanken versuchen die Konjunktur zu stimulieren, ohne auf abgesicherte Daten zurückgreifen zu können.


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