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10.05.16, 16:03

Meinung monthly: Brexit ja oder nein: Es wird eng

So langsam nimmt die Nervosität in Europa zu, denn das britische Referendum über den Verbleib oder das Ausscheiden aus der Europäischen Union (EU) – der so genannte Brexit, eine Wortschöpfung aus „Britain“ und „Exit“ – am 23. Juni 2016 rückt immer näher. Aktuelle Meinungsumfragen deuten auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Gegnern und Befürwortern eines EU-Austrittes hin. Dagegen sprechen die aus dem Wettgeschäft abgeleiteten Wahrscheinlichkeiten eine klare Sprache und beziffern die Chance eines Verlassens der EU lediglich mit rund 20%. Damit ist die Verunsicherung über den Ausgang der Abstimmung hoch. Das zeigt sich auch in der Entwicklung des britischen Pfundes, das zuletzt gegenüber allen wichtigen Währungen einen schweren Stand hatte. In unserem Basisszenario gehen wir davon aus, dass Großbritannien in der EU bleibt, denn in letzter Konsequenz dürften die Briten die mit einem Brexit einhergehende unsichere Zukunft scheuen. Doch es sollte eine enge Entscheidung werden, da mittlerweile die Abneigung gegenüber der EU angesichts der Flüchtlingskrise und eines ungebremsten Zustroms an Zuwanderern groß ist und die Risiken eines Austrittes womöglich unterschätzt werden. Was also könnte theoretisch passieren, wenn sich die Mehrheit der Briten tatsächlich im Juni für den Brexit entscheidet? Spielen wir ein solches Szenario einmal durch:

  • Nach einer solchen Entscheidung wäre die Unsicherheit erst einmal sehr hoch, denn das zukünftige Verhältnis zwischen Großbritannien und der EU muss neu verhandelt werden. Die Verunsicherung darüber könnte zu massiven Turbulenzen an den Finanzmärkten führen – Großbritannien hätte mit einem Vertrauensverlust zu kämpfen, der einen Einbruch der Kapitalzuflüsse und der Investitionen bedingen könnte. Das britische Pfund würde spürbar an Wert verlieren, insbesondere gegenüber dem US-Dollar.

  • Entscheidend für Großbritannien in den Verhandlungen mit der EU dürfte es sein, sich einen freien Zugang zum europäischen Binnenmarkt – also ohne Zollbeschränkungen – zu erhalten, denn 50% der britischen Exporte gehen in die EU. Ohne einen solchen Zugang könnten die umfangreichen ausländischen Direktinvestitionen ausbleiben. Das Erreichen dieses Ziels dürfte aber schwierig werden. Nach einer Zustimmung zum Brexit hat die EU wenige Anreize, Großbritannien entgegenzukommen, um keinen Präzedenzfall für andere Länder zu schaffen. Die EU dürfte daher weitreichende Zugeständnisse von den Briten fordern, die diese eigentlich nicht machen wollen bzw. wegen derer sie aus der Union ausgetreten sind. Großbritannien könnte – wie Norwegen und Island – dem Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) beitreten. Auf diesem Wege bleiben die vier Freiheiten des Binnenmarktes – der freie Verkehr von Personen, Waren, Dienstleistungen und Kapital – gewahrt. Viele Verordnungen der EU müssten jedoch ohne Mitspracherecht bei der Ausgestaltung übernommen werden und Beitragszahlungen an die EU wären weiterhin zu leisten. Oder aber es wird der Weg der Schweiz gewählt, bei dem Großbritannien ein Bündel an bilateralen Abkommen mit der EU trifft. Weitere Möglichkeiten sind eine Zollunion oder ein bilaterales Freihandelsabkommen. Doch nicht-tarifäre Handelshemmnisse können damit nicht aus dem Weg geräumt werden.

  • Der Finanz- und Versicherungssektor sowie Business Services besitzen einen Anteil am BIP von rund 20%. Haben die Finanzunternehmen nicht mehr die Möglichkeit den EU-Binnenmarkt mit Dienstleistungen zu versorgen, hätte das gravierende Auswirkungen auf die Wertschöpfung.

  • Die Achillesferse der Briten ist ihr hohes Leistungsbilanzdefizit, das 2014 rund 5% des BIP betrug. Daher sind sie auf ausländische Kapitalzuflüsse angewiesen, so auch auf ausländische Direktinvestitionen. Wird dieses Geld aufgrund eines Vertrauensverlustes abgezogen, würde das Pfund gegenüber allen wichtigen Währungen einbrechen. Der Preisauftrieb würde aufgrund der importierten Inflation zunehmen und entsprechend zu einer Dämpfung der Inlandsnachfrage und des Wachstums führen.

  • Mit einem Brexit sollten sich die Perspektiven für das Wachstum in Großbritannien insgesamt eintrüben und die Expansionsrate des BIP dürfte auf Sicht der nächsten Jahre deutlich niedriger ausfallen. Das liegt nicht nur an der zuvor genannten Dämpfung der Inlandsnachfrage, sondern auch an den einbrechenden Investitionen aufgrund der hohen Unsicherheit, wie die Beziehung zwischen Großbritannien und der EU zukünftig aussehen wird. Darüber hinaus steht mit dem freien Zugang zum europäischen Binnenmarkt der wichtigste britische Exportmarkt auf dem Spiel. Zum Teil können diese Handelsströme wohl umgelenkt werden, doch dies ist eher längerfristig erfolgsversprechend. Kurzfristig dürfte die Behinderung des Handels das Wachstum dämpfen.

  • Auch für die EU sollte mit einem Brexit das Wachstum niedriger ausfallen, denn die Verhandlungsphase sorgt für eine hohe Unsicherheit und die politischen Risiken steigen. In anderen Ländern könnten ähnliche Strömungen entstehen, was zunehmend den Zusammenhalt der EU in Frage stellen dürfte.

  • Am deutschen Wachstum sollte ein Brexit ebenfalls nicht spurlos vorbeigehen. 7,5% aller deutschen Ausfuhren gehen nach Großbritannien, das den drittgrößten Auslandsmarkt darstellt (nach den USA und Frankreich). Allerdings sind die deutschen Exporte regional sehr breit gestreut, so dass ein Einbruch der Exporte nach Großbritannien verkraftbar erscheint. Der Bestand deutscher Direktinvestitionen in dem Land lag 2014 bei 121 Mrd. Euro. Das entspricht einem Anteil von rund 7% an den gesamten deutschen Direktinvestitionen. Ein Brexit würde durch die voraussichtliche GBP-Abwertung sowie eine neue Einschätzung des Standortes Großbritannien vermutlich Abschreibungen bei den Direktinvestitionen nach sich ziehen und die Gewinne deutscher Unternehmen schmälern.

Fazit

Wenn es tatsächlich zu einem Brexit kommen sollte, gibt es zunächst eine lange Phase der Unsicherheit, da nicht klar sein wird, wie das neue Verhältnis von Großbritannien und der EU aussieht. Das könnte zu massiven Turbulenzen an den Finanzmärkten führen. Bewertet man die Folgen eines Brexit für Großbritannien, so muss man zu dem Schluss kommen, dass zumindest kurz- bis mittelfristig die negativen Auswirkungen für das Land überwiegen. Längerfristig dürften die Folgen dieses Schrittes zum einen stark von dem Verhandlungsergebnis mit der EU abhängen. Zum anderen ist entscheidend, ob die weitere Entwicklung der EU eine positive Richtung nimmt oder nicht. Großbritannien kann seinen Weg auch erfolgreich allein gehen, doch die politische und ökonomische Abhängigkeit von der EU dürfte groß bleiben. Mehr Verhandlungsmacht auf globaler Ebene besitzt das Land zudem innerhalb der Union.


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