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09.10.12, 11:30

Lesen Sie jetzt den Vontobel Marktkommentar Oktober 2012: Vom "Faust" und der deutschen Bundesbank

In dieser Rubrik stellen wir Ihnen regelmäßig den aktuellen Marktkommentar des Chefstrategen der Vontobel-Gruppe, Herrn Christophe Bernard, vor.
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Lesen Sie jetzt den Vontobel Marktkommentar Oktober 2012: Vom "Faust" und der deutschen Bundesbank

In dieser Rubrik stellen wir Ihnen regelmäßig den aktuellen Marktkommentar des Chefstrategen der Vontobel-Gruppe, Herrn Christophe Bernard, vor.

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Vom "Faust" und der deutschen Bundesbank

Mit Wort und Tat beziehen sich die Vertreter der Zentralbanken mitunter auf die Werke der klassischen Literatur. So nahm unlängst Bundesbankpräsident Jens Weidmann Bezug auf die höllische Geldschöpfung in Goethes "Faust", um sich gegen die Einführung potenziell inflationärer Maßnahmen seitens der EZB abzugrenzen.

Kaiser: "Wo fehlt's nicht irgendwo auf dieser Welt? Dem dies, dem das, hier aber fehlt das Geld. Ich habe satt das ewige Wie und Wenn; nun gut, so schaff' es denn." Mephisto:"Ich schaffe, was ihr wollt, und schaffe mehr." Kanzler:"So hört und schaut das schicksalschwere Blatt, das alles Weh in Wohl verwandelt hat." Mephisto:"Ein solch Papier, an Gold und Perlen statt, Ist so bequem, man weiss doch, was man hat; Man braucht nicht erst zu markten, noch zu tauschen, Kann sich nach Lust in Lieb' und Wein berauschen."

Goethe, Faust II, Akt I


Das Vertrauen in das Zentralbankengeld ("Papiergeld") ist einer der Grundpfeiler der modernen Gesellschaft. Der Handel, das Sparen und das Kreditwesen - sprich buchstäblich jede wirtschaftliche Tätigkeit - beruhen auf diesem gemeinsamen Nenner. Umso bemerkenswerter ist die Tatsache, dass Weidmann die zitierte Passage aus Goethes "Faust" in einen Zusammenhang mit der Geldpolitik und dem Wert des Geldes stellt. Die Unabhängigkeit der Bundesbank ist in der deutschen Verfassung verankert. Bei der Erhaltung der Kaufkraft der deutschen Währung hat sie sich bis anhin beneidenswert geschickt gezeigt. Seit der Währungsreform im Jahr 1948 zählte die D-Mark zusammen mit dem Schweizer Franken zu den stärksten Währungen der Welt. Die EZB hat als Reaktion auf die "lebensbedrohliche Lage" des Euro einen Mechanismus eingeführt, der exzessive Zinsspitzen in Spanien und Italien begrenzt. Voraussetzung hierfür ist, dass die um Unterstützung ersuchenden Länder bestimmte Bedingungen erfüllen. In diesem Fall ist die EZB bereit, unbegrenzt Staatsanleihen mit Laufzeiten von bis zu drei Jahren anzukaufen. Die Bundesbank war mit diesem Kurs nicht einverstanden. Sie setzt diesen Ansatz einer Direktfinanzierung der Staaten gleich, die längerfristig verhängnisvolle Konsequenzen haben dürfte - oder mit anderen Worten: zu Inflation und Vertrauensverlust beim respektive gegenüber dem Papiergeld führt. Mario Draghi, der Präsident der EZB, wusste sich aber mit dem Argument durchzusetzen, dass außergewöhnliche Umstände außergewöhnliche Maßnahmen erfordern. Wenn die Vergangenheit ein Gradmesser für die Zukunft ist, könnte Weidmann Recht behalten: Mit dem Anwerfen der Druckmaschinen ließ sich noch keine Krise bewältigen. Für Draghis Standpunkt spricht hingegen, dass es tatsächlich keine Präzedenzfälle für das Euro-Projekt gibt, da es seiner Zielsetzung, seinem Umfang und seiner Anlage nach einzigartig ist. Auf der anderen Seite des Atlantiks lässt man sich weniger von Goethes "Faust", sondern eher von John Steinbeck's "Früchte des Zorns" inspirieren. Dessen Roman gilt als Sinnbild für das harte Leben der Amerikaner während der Weltwirtschaftkrise in der 1930er-Jahren. Der Chef der US-Notenbank Ben Bernanke beschäftigte sich in seiner akademischen Laufbahn vorwiegend mit dieser Zeit und den verheerenden Folgen einer übermäßig restriktiven Geldpolitik und eines fehlgeleiteten wirtschaftlichen Konservatismus. Daher dürfte es kaum überraschen, dass sich die Fed vor kurzem verpflichtet hat, so lange Mortgagebacked Securities und US-amerikanische Staatsanleihen anzukaufen, bis sich die Arbeitsmarktlage substanziell verbessert. Die Leitzinsen werden bis mindestens Mitte 2015 bei Null belassen. Zudem erklärte die Fed, dass es seine höchst stimulierende Geldpolitik deshalb sogar noch dann für eine gewisse Zeit fortsetzen werde, nachdem sich die wirtschaftliche Erholung verstärkt habe.

Zentralbanken in unerforschten Gewässern
Zweifelsohne bewegen sich die Fed und die EZB inzwischen in unerforschten Gewässern. Die jüngsten geldpolitischen Beschlüsse sind einzigartig in der modernen Wirtschaftsgeschichte: Sie zeigen, dass beide Institutionen entschlossen sind, das systemische Risiko in der Eurozone um jeden Preis zu entschärfen beziehungsweise die US-amerikanische Wirtschaft anzukurbeln. Unabhängig von der kurzfristigen Entwicklung der Wirtschaftslage werden diese Maßnahmen früher oder später einen Preisanstieg, das heisst eine so genannte "Reflation" der Vermögenswerte auslösen, da die Anleger gezwungen sind ihre reichlich vorhandene Liquidität zurück an die Märkte zu tragen.

Christophe Bernard

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