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10.09.12, 12:45

Weniger Dampf im Kessel

Seit Monaten setzt sich die deutsche Wirtschaft relativ erfolgreich gegen das widrige konjunkturelle Umfeld in Europa zur Wehr.

Weniger Dampf im Kessel

Seit Monaten setzt sich die deutsche Wirtschaft relativ erfolgreich gegen das widrige konjunkturelle Umfeld in Europa zur Wehr. Auch im zweiten Quartal schnitt Deutschland beim Wachstum des Bruttoinlandsproduktes (BIP) deutlich besser ab als viele der Nachbarländer und scheint damit dem Ruf als Konjunkturlokomotive Europas gerecht zu werden. Allerdings scheint auch hierzulande der Dampf im Kessel nachzulassen.

Es klingt wie ein Wunder. Während Europa unter der Staatsschuldenkrise ächzt und in vielen Ländern riesige Löcher im Haushalt den nötigen Schuldenabbau unmöglich machen, nahm Deutschland im ersten Halbjahr 2012 mehr Geld ein als es ausgab. Der Überschuss lag bei 8,3 Mrd. Euro oder 0,6 % des BIP. Ein Plus im Gesamtjahr wäre eine Rarität. Erst zweimal seit der Wiedervereinigung, in den Jahren 2007 und 2000, erzielte die öffentliche Hand einen Gewinn. Verantwortlich für die positive Entwicklung in den ersten sechs Monaten waren höhere Einnahmen aus Steuern und Sozialbeiträgen dank der guten Konjunkturentwicklung. Für die stark vom Export abhängige deutsche Wirtschaft dürfte es wegen des ungünstigen Umfelds aber schwieriger werden, daran im zweiten Halbjahr anzuknüpfen.

Wachstumsdynamik lässt nach
Europa als wichtigste Absatzregion deutscher Produkte leidet unter einer Konjunkturflaute, die durch die Schuldenkrise und den sich daraus ergebenden Spardruck verstärkt wird - und das wohl noch für längere Zeit. Nach der Stagnation im ersten Jahresviertel ist das BIP im zweiten Quartal in der Eurozone und in der EU um jeweils 0,2 % zum Vorquartal geschrumpft. Zum Vorjahresquartal rutschte das BIP der Eurozone sogar um 0,4 % ab. In der EU sank es um 0,2 %. Der wirtschaftliche Abschwung der Nachbarn hinterlässt auch hierzulande Spuren. Zwar ist das deutsche BIP im zweiten Quartal gewachsen, allerdings lässt die Dynamik weiter nach. Hatte es im ersten Quartal noch 0,5 % im Vergleich zum Vorquartal zugelegt, waren es im zweiten Quartal noch 0,3 %. Noch deutlicher wird das sinkende Tempo bei der Entwicklung im Vergleich zum Vorjahr. Hier nahm die Steigerungsrate seit dem ersten Quartal 2011 (+4,9 %) stetig ab und erreichte mit nun 1 % den niedrigsten Wert seit dem Schlussquartal 2009.

Keine Lösung der Schuldenkrise in Sicht
Der Schwung könnte weiter abebben. Schließlich ist eine Lösung der Schuldenkrise nach wie vor nicht in Sicht. Die daraus resultierende Unsicherheit bei Firmen, Konsumenten und Investoren könnte den wirtschaftlichen Abschwung in Europa weiter befeuern, weshalb weitere negative Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft zu erwarten sind. Insbesondere der Export als derzeit noch wichtigste Stütze könnte weiter beeinträchtigt werden. Hier profitierte Deutschland zuletzt von steigenden Absätzen in den Ländern außerhalb der EU. Allerdings ist zu befürchten, dass auch die Weltwirtschaft eher an Wachstumstempo verliert als zunimmt und damit der stützende Einfluss des Außenbeitrages auf das BIP immer geringer wird. Zudem sind keine großen Impulse aus dem Inland zu erwarten. Trotz einer offiziell rosigen Arbeitsmarktstatistik, die im Vergleich zu vielen Nachbarn im Juni mit 5,4 % eine weitaus geringere Arbeitslosenquote als in der Eurozone (11,2 %) aufweist, sind die durchschnittlichen Einkommen der deutschen Arbeitnehmer in den vergangenen Jahren kaum gewachsen. Hoffnungen auf einen heimischen Konsumboom sind somit nicht gerechtfertigt. Und auch seitens der inländischen Investitionen aus Industrie und Bauwesen sind wegen der wirtschaftlichen Risiken und der Unsicherheit aufgrund der Schuldenkrise wohl keine größeren Impulse zu erwarten. Dafür spricht auch die im August weiter eingetrübte Stimmung des ifo Geschäftsklimaindex. Der Frühindikator sank nun bereits das vierte Mal in Folge. Insbesondere bei den Geschäftsaussichten zeigten sich die befragten Firmen verstärkt pessimistisch.

Auf wackligen Beinen?
Angesichts der vielen potenziellen Bremsklötze für die hiesige Wirtschaft sowie der nach wie vor latenten Gefahr einer Zuspitzung der Schuldenkrise, in deren Zusammenhang ein heißer Herbst denkbar ist, scheint die Sommerrally auf wackligen Beinen zu stehen. Ein jähes Ende kann daher nicht ausgeschlossen werden. Die Stimmung mutet besser an als die Lage und könnte daher schnell wieder kippen. Verantwortlich für die Kauflaune im Sommer, auch bei vielen europäischen Indizes, ist wohl die Hoffnung, dass EZB und andere Notenbanken mit weiteren geldpolitischen Lockerungen, vor allem aber außergewöhnlichen Maßnahmen wie Staatsanleihenkäufen das Ruder bezüglich Konjunktur und Bewältigung der Staatsschuldenkrise herumreißen. Entsprechende Spekulationen könnten gerade den deutschen Aktienmarkt, wegen der relativ robusten hiesigen konjunkturellen Entwicklung, gestützt haben. Und auch die Prognosen für das Jahr 2013 geben einigen Marktteilnehmern Anlass zu Hoffnung auf eine Stabilisierung. Sollte die Konjunkturlokomotive Deutschland jedoch weiter an Fahrt verlieren, vielleicht sogar den Rückwärtsgang einlegen, dann wird es wohl auch für deutsche Aktien schwer, die zuletzt positive Entwicklung fortzusetzen.





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