Ist Bitcoin ein sicherer Hafen?
Die Frage wird seit Jahren kontrovers diskutiert. Selbst im professionellen Research fallen die Antworten unterschiedlich aus. Im April 2025 stellten JPMorgan-Analysten Bitcoins Rolle als digitales Gold infrage. Knapp ein Jahr später berichtete dasselbe Team während des Iran-Kriegs von Anzeichen einer Safe-Haven-Nachfrage.
Das Problem liegt möglicherweise schon in der Frage. Denn „sicherer Hafen" kann Unterschiedliches bedeuten.
Für die Portfoliokonstruktion lässt sich zumindest eine Dimension recht eindeutig prüfen: Hat Bitcoin Kapital erhalten, wenn Aktienmärkte stark verloren haben?
Diversifikator ist nicht gleich sicherer Hafen
Eine häufig verwendete Abgrenzung geht auf Baur und Lucey zurück. Sie unterscheiden zwischen Diversifikator, Hedge und sicherem Hafen.
Ein Diversifikator ist im Durchschnitt positiv mit Aktien korreliert, aber nicht vollständig. Ein Hedge weist im Durchschnitt keine oder eine negative Korrelation auf. Ein sicherer Hafen soll dagegen gerade dann unkorreliert oder gegenläufig reagieren, wenn Aktien stark verlieren.
Diese Unterscheidung ist relevant. Eine niedrige durchschnittliche Korrelation sagt noch nichts darüber aus, wie sich ein Vermögenswert genau dann verhält, wenn Schutz im Portfolio benötigt wird.
Für Bitcoin zeigt sich das besonders deutlich.
Die Korrelation sieht zunächst unauffällig aus
Betrachtet wurden zehn Jahre Tagesschlusskurse von August 2016 bis Juli 2026 für den S&P 500, Gold und Bitcoin. Für die Korrelationsanalyse wurden daraus Wochenrenditen gebildet.
Über den gesamten Zeitraum lag die Korrelation zum S&P 500 in US-Dollar bei 0,19 für Bitcoin und bei 0,18 für Gold. In Euro betrugen die Werte 0,16 beziehungsweise 0,08.
Wer ausschließlich auf diese Zahlen schaut, könnte zu dem Schluss kommen, beide Vermögenswerte hätten vergleichbare Diversifikationseigenschaften gegenüber Aktien.
Interessanter wird es jedoch unter Stress.
Wenn Aktien wirklich fallen
In den zehn Prozent schwächsten Aktienwochen verlor der S&P 500 durchschnittlich 4,1 Prozent.
Gold lag in diesen Wochen im Mittel unverändert und erzielte in 57 Prozent der Fälle eine positive Rendite. Bitcoin verlor dagegen durchschnittlich 3,4 Prozent und lag nur in 32 Prozent der Wochen im Plus.
Auch eine Kontrollrechnung mit den schwächsten zwanzig Prozent der Aktienwochen verändert das qualitative Ergebnis nicht.
Noch deutlicher wird der Unterschied bei größeren Aktienmarkteinbrüchen.
Im Untersuchungszeitraum gab es fünf abgeschlossene Rückgänge des S&P 500 von mindestens zehn Prozent gegenüber seinem vorherigen Höchststand: 2018 zweimal, im Frühjahr 2020, im Jahr 2022 und zwischen Februar und April 2025.
Bitcoin verlor in allen fünf Phasen. Während des Einbruchs Anfang 2018 waren es 25,5 Prozent. Im zweiten Rückgang desselben Jahres 37,8 Prozent. Im Corona-Crash verlor Bitcoin 32,3 Prozent, 2022 waren es 58,7 Prozent und im Aktienmarktrückgang des Jahres 2025 21,1 Prozent.
In vier der fünf Fälle fiel Bitcoin stärker als der S&P 500.
Gold verhielt sich deutlich defensiver. Der maximale Verlust in diesen fünf Phasen betrug 7,1 Prozent, in zwei Episoden legte Gold sogar zu.
Zwei Einschränkungen gehören dazu. Im März 2020 fiel Bitcoin mit 32,3 Prozent geringfügig weniger als der S&P 500 mit 33,9 Prozent. Als Schutz taugt das nicht, aber „fällt immer stärker" wäre falsch. Und Gold war kein ausnahmsloser Schutz: Es verlor in drei der fünf Episoden, jedoch deutlich seltener und wesentlich weniger als Bitcoin.
Der Befund steht nicht allein
Das DIW Berlin kommt mit anderer Datenfrequenz und Methodik zu einer ähnlichen qualitativen Schlussfolgerung: Bitcoin habe sich im untersuchten Zeitraum nicht wie Gold zur Diversifikation eines aktienlastigen Portfolios geeignet. Campbell Harvey hält in „Gold and Bitcoin" die Gleichsetzung mit digitalem Gold für zu kurz gegriffen und sieht Bitcoin eher als Ergänzung denn als Ersatz für Gold.
Die vorliegende Auswertung bestätigt diese Arbeiten nicht; dafür unterscheiden sich Methoden und Fragestellungen zu stark. Sie zeigt aber, dass die qualitative Schlussfolgerung nicht isoliert steht.
Was der Befund nicht sagt
Bitcoin hat den Test nicht bestanden, und daran ändert sich nichts. Es lohnt aber, den Maßstab selbst zu betrachten.
Der Begriff des sicheren Hafens ist älter als diese finanzstatistische Operationalisierung. Historisch beruhte die besondere Rolle von Gold nicht allein auf seinem Verhalten gegenüber Aktien, sondern auch auf monetären und institutionellen Eigenschaften: Knappheit, physische Besitzmöglichkeit, fehlende Forderung gegen einen Emittenten.
Der hier verwendete praktische Test fragt nach einer Dimension von Sicherheit: dem Kapitalerhalt in Aktienmarktkorrekturen. Er erfasst nicht, was gegen Verwässerung, gegen Gegenparteiausfall oder gegen den Zugriff auf Vermögenswerte schützt. Das sind andere Risiken und für manche Mandate womöglich die relevanteren.
Das ist keine nachträgliche Umdefinition, sondern die Feststellung, dass der Test eng ist. Widerlegt ist der Schutz vor Aktienmarktstress, nicht jede denkbare Portfoliofunktion.
Das lässt sich am Ausgangspunkt zeigen. Die JPMorgan-Einschätzung vom März 2026 stützt sich auf Mittelzuflüsse, institutionelle Positionierung und eine deutlich gestiegene Kryptonutzung im Iran, einschließlich Übertragungen in Selbstverwahrung. Sie beschreibt damit ein anderes Risiko als das hier geprüfte. Beide Aussagen können nebeneinander zutreffen.
Bei einzelnen Eigenschaften bestehen strukturelle Unterschiede zu Gold. Bitcoin kann bei unmittelbarer Kontrolle der privaten Schlüssel ohne physischen Transport übertragen werden. Besitz und Verwendung von Gold wurden historisch zeitweise rechtlich beschränkt, etwa in den USA ab 1933. Daraus folgt nicht, dass Bitcoin staatlichem Zugriff grundsätzlich entzogen wäre; die tatsächliche Widerstandsfähigkeit hängt unter anderem von Schlüsselkontrolle, Identifizierbarkeit und dem Zugang zur technischen Infrastruktur ab.
Wer über ein reguliertes Anlagevehikel investiert, verfügt auf Anlegerebene regelmäßig nicht selbst über die privaten Schlüssel. In welchem Umfang die betreffenden Eigenschaften des Basiswerts dennoch für den Anleger wirksam bleiben, hängt von der rechtlichen Ausgestaltung, der Vermögenszuordnung, dem Insolvenzschutz, der Verwahrkette sowie etwaigen Auslieferungs- oder Rücknahmerechten ab.
Ein eindeutiger Befund, mit klaren Grenzen
Wer Bitcoin als Schutz gegen Aktienmarkteinbrüche in ein Portfolio aufnimmt, findet in diesen Daten keine empirische Unterstützung für diese Begründung.
Die geringe Korrelation zum Aktienmarkt reicht dafür nicht aus. Entscheidend ist, wie sich ein Vermögenswert verhält, wenn das Portfolio tatsächlich unter Stress gerät. Und dort zeigt die Historie der vergangenen zehn Jahre ein klares Muster: Bitcoin fiel gemeinsam mit Aktien und häufig sogar stärker.
Für die Portfoliokonstruktion hat das eine unmittelbare Konsequenz. Wer Bitcoin aus anderen Gründen allokiert, sollte in seinen Stressrechnungen gleichzeitige Verluste von Aktien und Bitcoin berücksichtigen. Eine kompensierende Wirkung lässt sich aus der untersuchten Historie nicht ableiten.
Woran der Befund hängt
Der empirische Befund gilt für die gewählte Datenbasis, den S&P 500 als Referenz und den untersuchten Zeitraum. Ob er gegenüber einem anderen Aktienmarkt oder bei anderen Krisenarten in gleicher Stärke gilt, wurde nicht geprüft. Innerhalb der gewählten Abgrenzung ist seine Richtung robust: in beiden Währungen, sowohl in den schwächsten zehn als auch in den schwächsten zwanzig Prozent der Aktienwochen und in allen fünf Ereignisfenstern. Die Größenordnung variiert allerdings: In Euro fällt Bitcoin in schwachen Wochen um rund einen Prozentpunkt weniger.
Schutz vor diskretionärer Geldmengenausweitung oder institutioneller Abhängigkeit ist eine andere These. Sie wird durch diese Auswertung weder bestätigt noch widerlegt und hängt daran, dass die betreffenden Eigenschaften auf Anlegerebene tatsächlich wirksam bleiben.
Diese Untersuchung ist zugleich die erste Ausgabe von „Portfoliothese", einem monatlichen LinkedIn-Newsletter zu Digitalen Assets aus Sicht der Portfoliokonstruktion. Jede Ausgabe untersucht eine konkrete Frage und legt offen, an welcher Annahme der Befund hängt und unter welchen Bedingungen er nicht mehr trägt.
Definition nach Baur/Lucey (2010), „Is Gold a Hedge or a Safe Haven? An Analysis of Stocks, Bonds and Gold", Financial Review.
Datenbasis: Tagesschlusskurse, bezogen über TradingView. S&P 500 (FRED:SP500), Bitcoin (BITSTAMP:BTCUSD), Gold (FX:XAUUSD); beim S&P 500 handelt es sich um den Preisindex ohne Dividenden. Rohdaten vom 01.08.2016 bis 04.08.2026; die letzte vollständige Wochenbeobachtung endet am 31.07.2026. Wochenrenditen auf Basis des jeweils letzten gemeinsam verfügbaren Handelstags einer Kalenderwoche; einfache Renditen, Pearson-Korrelation; 521 Wochenrenditen. Die Ereignisfenster beruhen auf Tagesschlussständen. Euro-Umrechnung mit FX_IDC:EURUSD.
Weitere Untersuchungen mit ähnlicher qualitativer Schlussfolgerung: DIW Berlin, Wochenbericht 9/2025, „Bitcoin ist nicht das neue Gold"; Campbell R. Harvey, „Gold and Bitcoin", SSRN Working Paper Nr. 5530719, Oktober 2025.
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