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26.06.26, 09:57

Bitcoin als Anlageklasse?

„Bitcoin ist eine eigene Anlageklasse.“

Kaum eine Aussage über Digitale Assets wird derzeit häufiger getroffen.

Andere sehen in Bitcoin lediglich einen einzelnen Vermögenswert innerhalb eines deutlich größeren Anlageuniversums. Wer hat recht?

Dass diese Diskussion heute überhaupt geführt wird, ist bemerkenswert. Noch vor wenigen Jahren galt Bitcoin vielen institutionellen Investoren als Randerscheinung. Inzwischen existieren regulierte Anlagevehikel, spezialisierte Verwahrstellen, institutionelles Research und ein zunehmend klarer regulatorischer Rahmen. Digitale Assets sind damit vom Nischenthema zu einem ernstzunehmenden Bestandteil vieler Investmentdiskussionen geworden.

Die Frage, ob Bitcoin eine eigene Anlageklasse ist, mag auf den ersten Blick akademisch erscheinen. Tatsächlich berührt sie jedoch eine der grundlegendsten Fragen der Portfoliokonstruktion: Was macht eine Anlageklasse überhaupt aus?

Was zeichnet eine Anlageklasse aus?

Eine allgemein anerkannte Definition existiert nicht. In Wissenschaft und Praxis haben sich jedoch mehrere Kriterien etabliert. Eine Anlageklasse umfasst Vermögenswerte mit ähnlichem Risiko-Rendite-Profil, die von vergleichbaren fundamentalen Faktoren beeinflusst werden, sich in unterschiedlichen Marktphasen ähnlich verhalten und ausreichend investierbar sind, um Kapital in relevantem Umfang allokieren zu können.

Aktien, Staatsanleihen oder Immobilien erfüllen diese Kriterien weitgehend. Innerhalb der jeweiligen Anlageklasse bestehen zwar Unterschiede, die grundlegenden Renditetreiber sind jedoch vergleichbar.

Wo ordnet sich Bitcoin ein?

Bitcoin erfüllt mehrere dieser Kriterien. Die fundamentalen Treiber von Bitcoin unterscheiden sich strukturell von denen klassischer Anlageklassen: Es gibt keine Unternehmensgewinne, die abdiskontiert werden müssen, keine Mietrenditen, die zinssensitiv sind, und ein Angebot, dessen Emissionsmechanik unabhängig von geldpolitischen Entscheidungen im Protokoll festgelegt ist. Hinzu kommt, dass sich in den vergangenen Jahren eine institutionelle Marktinfrastruktur entwickelt hat: regulierte Verwahrung, professionelle Marktteilnehmer, börsengehandelte Anlageprodukte und ein zunehmend klarer regulatorischer Rahmen.

Auch aus Portfoliosicht spricht einiges für eine eigenständige Betrachtung. Bitcoin weist langfristig nur eine begrenzte Korrelation zu traditionellen Anlageklassen auf und besitzt ein asymmetrisches Renditeprofil, das sich nicht unmittelbar mit Aktien, Anleihen oder Rohstoffen vergleichen lässt.

Aus dieser Perspektive überrascht es nicht, dass viele institutionelle Investoren Bitcoin heute wie eine eigene Anlageklasse behandeln.

Wie Anlageklassen wirklich entstehen

Gleichzeitig bleibt ein Einwand bestehen. Eine Anlageklasse besteht üblicherweise aus einer Vielzahl ähnlicher Vermögenswerte. Bitcoin ist nur ein einzelnes Asset. Und eine verbindliche Definition, die Bitcoin eindeutig ein- oder ausschließt, existiert schlicht nicht.

Das ist jedoch weniger ein Problem als es zunächst erscheint. Denn Anlageklassen entstehen selten dadurch, dass sie eines Tages offiziell definiert werden. Sie entwickeln sich schrittweise durch Marktpraxis. Hedgefonds, Private Equity und Infrastruktur galten über lange Zeit nicht als eigenständige Anlageklassen. Erst mit wachsender Marktgröße, institutioneller Akzeptanz und regulatorischer Einbettung änderte sich diese Sichtweise.

Anlageklassen werden nicht entdeckt.

Sie entstehen.

Ein Gegenbeispiel: Gold

Ein Gegenbeispiel ist Gold. Gold ist ein einzelner Rohstoff. Und trotzdem führen institutionelle Investoren – von Staatsfonds bis zu Family Offices – Gold als eigenständigen Allokationsbaustein mit eigenem Risikobudget, eigener Benchmark und eigener Gewichtung. In der Praxis stellt das kaum jemand infrage. Entscheidend ist nicht die Anzahl der Bestandteile, sondern ob ein Asset eigenständige Eigenschaften besitzt, die eine separate Allokation rechtfertigen.

Genau an diesem Punkt beginnt die Diskussion über Bitcoin.

Digitale Assets: Anlageklasse oder Anlageuniversum?

Selbst wenn man Bitcoin eine eigenständige Portfoliofunktion zubilligt, bleibt ein strukturelles Problem bestehen. Unter dem Begriff Digitale Assets subsumieren wir heute Bitcoin, Ethereum, Stablecoins, tokenisierte Real Assets, Altcoins und Staking-Strategien. Bitcoin verfolgt eine monetäre Funktion. Ethereum stellt Infrastruktur für Smart Contracts bereit. Stablecoins dienen der digitalen Zahlungsabwicklung. Tokenisierte Anleihen sind im Kern Fixed Income. Altcoins ähneln in ihrem Risikoprofil eher Venture Capital.

Diese Heterogenität macht deutlich: Digitale Assets als Ganzes lassen sich derzeit nur eingeschränkt als homogene Anlageklasse beschreiben. Der Begriff Anlageuniversum erscheint präziser – ähnlich wie Alternative Investments kein homogenes Bündel darstellen, sondern ein Sammelbegriff für sehr unterschiedliche Strategien sind.

Die unterschiedlichen Funktionen Digitaler Assets sind einer der Gründe, weshalb wir sie bei 21Nexus nicht als homogenen Markt betrachten, sondern in verschiedene Segmente mit unterschiedlichen Risiko- und Ertragsprofilen strukturieren.

Bitcoin nimmt innerhalb dieses Universums eine Sonderrolle ein. Er ist der liquideste, institutionell am weitesten etablierte und von professionellen Investoren am intensivsten analysierte Baustein. Für viele institutionelle Investoren ist Bitcoin deshalb der erste Berührungspunkt mit dem gesamten Anlageuniversum Digitaler Assets. Gerade deshalb wird die Diskussion über Digitale Assets heute häufig anhand von Bitcoin geführt.

Konsequenz für die Portfoliokonstruktion

Für Berater und Vermögensverwalter ist die Antwort auf diese Frage nicht nur von akademischem Interesse. Sie beeinflusst unmittelbar, wie Portfolios strukturiert werden, welche Risiken gegenüber Mandanten erklärt werden müssen und ob Digitale Assets als opportunistische Einzelinvestments oder als eigenständiger Baustein innerhalb der strategischen Asset Allocation betrachtet werden.

Ob Bitcoin aus theoretischer Sicht bereits eine eigenständige Anlageklasse ist, bleibt diskutierbar. Aus Sicht vieler professioneller Marktteilnehmer wird Bitcoin jedoch bereits heute wie eine solche behandelt.

Vielleicht stellen wir heute die falsche Frage. Nicht: Ist Bitcoin eine Anlageklasse? Sondern: Beobachten wir gerade, wie Bitcoin innerhalb des Anlageuniversums Digitaler Assets zu einer eigenständigen Anlageklasse heranreift?

Weiterführend

Genau diese Fragen diskutieren Jan Horak und ich in der ersten Folge von „Endlich verstanden: Digitale Assets“, einem neuen Bildungsformat von 21Nexus. Unter dem Titel „Bitcoin ist eine eigene Anlageklasse. Stimmt das wirklich?“ ordnen wir die unterschiedlichen Perspektiven auf diese Fragestellung in rund zehn Minuten ein.

Gedanken austauschen

Die Frage, wie Digitale Assets institutionell eingeordnet werden sollten, wird uns noch viele Jahre begleiten. Wenn Sie Ihre Sichtweise dazu diskutieren oder Erfahrungen austauschen möchten, finden Sie hier eine Kontaktmöglichkeit. 

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