Die eigentliche Frage lautet nicht, ob sich Blockchain durchsetzt. Sondern was sich dadurch möglicherweise im eigenen Geschäftsmodell verändert.
Immer mehr Ihrer Kunden halten bereits Kryptowährungen, häufig außerhalb des traditionellen Beratungskontexts, über Kryptobörsen oder Fintech-Plattformen. Laut einer BlackRock-Umfrage vom Oktober 2025 halten durchschnittlich 22 Prozent der europäischen Anleger digitale Assets, in einzelnen Märkten sogar mehr als 40 Prozent.
Das ist kein Nischenphänomen mehr. Und es wird sich nicht von selbst erledigen.
Der im Mai 2026 veröffentlichte Flagship-Report „The Future of Digital Assets“ der Boston Consulting Group (BCG) gehört zu den umfassendsten Analysen zur Zukunft digitaler Assets. Fünf Erkenntnisse daraus erscheinen aus unserer Sicht für Vermögensverwalter und Investmentberater besonders relevant.
BCG erwartet, dass tokenisierte Real-World Assets (also digitale Abbildungen realer Vermögenswerte wie Anleihen, Fonds, Immobilien oder Private Credit) zu den größten Gewinnern der nächsten Dekade gehören. Heute beträgt das Marktvolumen rund 30 Milliarden US-Dollar. Im progressiven Szenario sieht BCG ein erhebliches Wachstumspotenzial bis 2035, getrieben durch sinkende Mindestanlagesummen und geringere operative Komplexität. Einzelne Segmente tokenisierter Real-World Assets verzeichneten 2025 Wachstumsraten von mehreren hundert Prozent.
Warum das relevant ist: Wer heute überwiegend mit Aktien, Anleihen und ETFs arbeitet, könnte künftig auf Kunden treffen, die einen breiteren Zugang zu alternativen Anlageformen erwarten, ohne dass sich an der eigenen Strategie etwas geändert hätte.
Tokenisierte Produkte dürften kostengünstiger und vergleichbarer werden. Auf den ersten Blick mag das wie zusätzlicher Margendruck wirken. Gleichzeitig steigt jedoch der Wert von Einordnung, Selektion und Betreuung. Wertschöpfung verschiebt sich – weg vom Produkt, hin zur Beratungsleistung.
Warum das relevant ist: Die Frage lautet künftig weniger: Welches Produkt verkaufe ich? Sondern: Welches Problem löse ich für meinen Kunden? Tokenisierung beschleunigt diesen Wandel. Für gut positionierte Berater muss das kein Nachteil sein. Im Gegenteil: Die Bedeutung von Einordnung und Vertrauen dürfte eher zunehmen.
Die erste Generation kaufte Bitcoin auf Kryptobörsen. Die nächste Generation wird erwarten, dass digitale Assets über Banken, Vermögensverwalter und bestehende Depots zugänglich sind, mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der heute ETFs über ein Depot gehandelt werden.
Warum das relevant ist: Nicht jeder Kunde wird digitale Assets nachfragen. Aber immer mehr Kunden werden erwarten, dass ihr Berater zumindest eine qualifizierte Antwort darauf geben kann. Der Berater, der darauf keine Antwort hat, sendet ein Signal, auch wenn er das nicht beabsichtigt.
Ein zentraler Gedanken der Studie: Der Mehrwert digitaler Assets entsteht für professionelle Marktteilnehmer nicht primär durch bessere Renditen, sondern durch effizientere Strukturen, höhere Skalierbarkeit und neue Serviceleistungen. Broadridge meldete für Januar 2026 ein durchschnittliches tägliches Volumen von 365 Milliarden US-Dollar in tokenisierten Repo-Transaktionen, ein Wachstum von über 500 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Dahinter stehen keine Kursbewegungen, sondern Infrastrukturprozesse, die Kosten senken und Kapital effizienter einsetzen.
Warum das relevant ist: Die Diskussion über digitale Assets konzentriert sich häufig auf Renditen. Die Studie weist jedoch darauf hin, dass ein Teil der strukturellen Veränderungen an anderer Stelle stattfindet und damit auch die Frage aufwirft, welche Auswirkungen sie auf das eigene Geschäftsmodell haben könnten.
Tokenisierung senkt Eintrittsbarrieren und macht Produkte vergleichbarer. Paradoxerweise gewinnt dadurch die Rolle des Beraters an Bedeutung. Je mehr Optionen verfügbar sind, desto wichtiger wird die Person, die Orientierung gibt.
BCG formuliert es für Banken so: Der langfristige Gewinner ist nicht derjenige, der die beste Blockchain-Infrastruktur baut, sondern derjenige, der die Kundenschnittstelle und das Vertrauen behält.
Warum das relevant ist: Der Kunde kauft keine Blockchain. Er kauft Orientierung. Das war schon immer so, aber es wird in einem tokenisierten Markt noch offensichtlicher.
Was bedeutet das konkret?
Sie müssen heute keine Meinung zu Bitcoin haben. Aber Sie sollten eine Antwort darauf haben, wenn Ihr Kunde fragt.
Die vier BCG-Szenarien für die Entwicklung digitaler Assets bis 2035 unterscheiden sich erheblich in Tempo und Ausmaß. Eines haben sie gemeinsam: Selbst im vorsichtigsten Szenario bleibt das Thema relevant.
Vielleicht besteht die eigentliche Herausforderung deshalb nicht darin, Blockchain zu verstehen. Sondern darauf vorbereitet zu sein, wenn digitale Assets vom Randthema zum Alltagsthema werden.
Denn die Frage lautet nicht mehr, ob Ihre Kunden sich mit digitalen Assets beschäftigen. Sondern ob sie dabei mit Ihnen sprechen.
Der vollständige BCG-Report „The Future of Digital Assets" (Mai 2026) ist über den folgenden Link verfügbar:
The Future of Digital Assets in Finance | BCG
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