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Themen-Check: Psychologie eines Referendums
Der Tag der Entscheidung über die Frage, ob Großbritannien in der EU bleiben oder diese verlassen wird (Brexit), ist gerade noch eine Woche entfernt. Schienen in den Umfragen noch bis vor kurzem diejenigen, die für einen Verbleib Großbritanniens in der EU stimmen würden, in der Mehrheit zu sein, so hat sich die Stimmung zuletzt in Richtung Brexit gedreht, was europaweit zu einer großen Verunsicherung geführt hat, die vor allem während der vergangenen Tage an den Finanzmärkten zu spüren war. Das Englische Pfund gibt nach, und die Börsen Europas haben den Rückwärtsgang eingelegt. Auch wenn viele Kommentatoren die Genauigkeit der Brexit-Umfragen aus leidvoller Erfahrung in der Vergangenheit (etwa bei der Wahl 2015) infrage stellen, zeigt sich nun selbst in der übergreifenden Umfrage der Financial Times („Poll of Polls“) ein kleiner Vorsprung von 47 zu 44 Prozent (per 15.6.) zugunsten der Anhänger eines Austritts. Was geschähe, wenn sich diese Tendenz am 23. Juni bewahrheiten würde? Die einen füttern ihre makroökonomischen Modelle mit Daten und kommen zu dem Schluss, das Pfund werde drastisch abwerten, bis hin zu einer Finanzkrise. Andere wiederum, so etwa der Ökonom und Nobelpreisträger Paul Krugman, können in Anbetracht von Großbritanniens exzessivem Leistungsbilanzdefizit in einem Verfall der englischen Währung sogar Vorteile entdecken. Aber nur wenige Unternehmen haben Vorsorge für den Fall eines Austritts Großbritanniens aus der EU getroffen. Gut die Hälfte der Betriebe hat Umfragen zufolge keinen Notfallplan für die Zeit nach einem etwaigen Brexit parat. So sind etwa 40 Prozent der Manager, die etwa vom Institut für Unternehmensführung ICSA befragt wurden, überhaupt nicht oder nicht ausreichend auf eine solche Situation vorbereitet. Stattdessen erklärten etliche, sie wollten bis zum Tag nach dem Referendum abwarten und dann erst möglicherweise weitreichende Entscheidungen treffen. Diese zögerliche Haltung ist sicherlich nicht auf mangelnden Entscheidungswillen zurückzuführen. Vielmehr können die Firmenchefs die Konsequenzen eines britischen Austritts nicht einschätzen und sind daher folgerichtig nicht in der Lage, sich gegen einen Schock oder einen Schadensfall abzusichern. Wie aber kann man vom britischen Wähler beim Referendum ein rationales Urteil verlangen, wenn sich selbst Experten und Profis über die möglichen Folgen eines Brexit im Unklaren sind? Denn eine rationale Entscheidung zu treffen hieße, deren mögliche Folgen aus allen Blickwinkeln und auch mit allen möglichen Konsequenzen für andere politische Bereiche zu beurteilen. Und zwar einschließlich aller Kosten und Nutzen, um dann zu einem Urteil zu gelangen. Weil es aber schier unmöglich ist, Vor- und Nachteile eines Brexit zu berechnen, dürften die meisten Wähler überfordert sein. Deswegen ist es naheliegend, dass die Menschen diesen komplexen Entscheidungsprozess abzukürzen versuchen und sich so genannter Heuristiken bedienen. Im richtigen Kontext angewandt, können diese Faustregeln durchaus hilfreich sein. Aber gerade bei der Beurteilung ökonomischer oder politischer Fakten führen sie häufig zu einer verzerrten Einschätzung des Sachverhalts. So ist zu befürchten, dass sich die meisten Wähler von knalligen, drastischen Informationen, besonders unmittelbar vor dem Tag der Entscheidung, allzu gerne beeinflussen lassen (Verfügbarkeitsheuristik). Mit anderen Worten: Ein Risiko, das in allen Farben ausgemalt wird, hinterlässt einen viel zu mächtigen Eindruck. Wird jenes auch noch in der Öffentlichkeit diskutiert, kann eine regelrechte Verfügbarkeits-Kaskade entstehen. Dabei handelt es sich um einen sich selbst verstärkenden Prozess, in dessen Verlauf sich eine kollektive Überzeugung herausbildet, ausgelöst durch eine einzelne Wahrnehmung, die dann jedoch alleine durch ihre wiederholte Verfügbarkeit im öffentlichen Diskurs an Plausibilität gewinnt. Aber auch andere psychologische Einflussfaktoren spielen eine große Rolle. Etwa die Darstellung politischer Sachverhalte in einem bestimmten Bezugsrahmen. Man kennt das berühmte Beispiel mit dem halbvollen oder halbleeren Glas: Je nachdem wie einem derselbe Inhalt präsentiert wird, kann das zu unterschiedlichen Entscheidungen führen – zur Risikoaversion oder Risikofreude. Das halbvolle Glas wirkt verheißungsvoll, das halbleere hingegen wie ein Verlust. Eine weniger bekannte Heuristik dürfte hingegen in der Neigung bestehen, Politik nicht nach ihren tatsächlichen Folgen, sondern nach den Absichten ihrer Vertreter zu beurteilen („Intentions Heuristic“). So erwartet man bei einer Politik der guten Absichten auch gute Resultate, während schlechte Absichten schlechte Ergebnisse nach sich ziehen. Mit anderen Worten: Wähler werden sich gerade in einem emotional aufgeladenen Umfeld wie beim Brexit-Referendum für die Option entscheiden, bei der sie sich wohl fühlen, ohne zuerst an Kosten und Nutzen einer solchen Entscheidung zu denken. Man könnte die Liste möglicher Verzerrungen rationaler Entscheidungen beliebig erweitern. Man denke nur an die selektive Wahrnehmung von Informationen, weil bestimmte Ideologien und Überzeugungen uns blind machen für das ganze Bild und wir stattdessen nur sehen, was wir sehen wollen. Deshalb gilt: Entscheidend wird am 23. Juni sein, wer an diesem Tag seine Fans am besten mobilisieren kann. Doch selbst wenn sich das britische Volk in dem Referendum für einen Brexit aussprechen sollte, heißt das nicht, dass am Ende dieses Tages einfach ein Schalter umgelegt werden wird. Denn schon mehrmals wurde von prominenter Seite darauf verwiesen, dass ein Brexit gar nicht umsetzbar sei. Vielmehr habe das Referendum nur als Empfehlung zu gelten. Natürlich respektiere man das Mandat der Bürger, die EU zu verlassen. Dennoch: Alles danach sei verhandelbar. Und Sache des Parlaments. |
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