Stefan Bielmeier, DZ BANK
China: Die Spekulationsblase ist geplatzt
Nach der Rallye am chinesischen Aktienmarkt, die zwischenzeitlich sogar in einer Kursverdopplung führender Aktienindizes im laufenden Jahr mündete, ist es nun innerhalb kürzester Zeit zum Crash gekommen.
Noch vor knapp einem Monat standen der Shenzhen und der Shanghai Composite Index auf dem jeweils höchsten Stand seit sieben Jahren. Die Marktkapitalisierung des chinesischen Aktienmarktes betrug Mitte Juni noch 10 Bio. US-Dollar, was umgerechnet 60% der Kapitalisierung des US-Aktienmarktes (17 Bio. US-Dollar) entsprach und das Ausmaß der spekulativ getriebenen Entwicklung widerspiegelt. Die Entwicklung des chinesischen Aktienmarktes hatte sich deutlich von der Entwicklung der Realwirtschaft entfernt, diese wächst heute langsamer als früher. Der chinesische Markt war zuletzt (zusammen mit der griechischen Börse) der volatilste Aktienmarkt weltweit gewesen, u.a. auch weil viele Privatanleger neu in den Aktienmarkt strömten und dabei auf Kredit („margin“) spekulierten.
Die chinesische Regierung hatte bis zuletzt versucht, der Spekulation durch verschiedene Maßnahmen Einhalt zu gebieten, letztlich ohne Erfolg. Nachdem die ersten Anleger Gewinne realisiert hatten, folgte die übliche Kettenreaktion, die nun zum Crash geführt hat, vor dem wir an dieser Stelle bereits im April 2015 gewarnt hatten. In den vergangenen drei Wochen sind die Aktienkurse in China durchschnittlich um 35% gefallen. Der Crash wäre vermutlich noch viel deutlicher ausgefallen, hätten nicht verschiedene technische Handelsusancen (z.B. Aktien werden nach 10% Kursverlust intraday vom Handel ausgesetzt) bremsend gewirkt.
Der Marktkapitalisierungsverlust in Höhe von 3,5 Bio. USD ist ein erheblicher Verlust (zum Vergleich: Die ausstehenden Schulden Griechenlands betragen 349 Mrd. USD), selbst für chinesische Verhältnisse. Nicht ohne Grund trägt die chinesische Regierung nun Sorge, dass der Börsencrash den erarbeiteten Wohlstand der Bürger vernichtet. Aktuell wird versucht, den entstandenen Schaden zu begrenzen: Neuemissionen sind zunächst nicht mehr erlaubt, bei rund 1.300 Werten (rund 70% aller Titel oder 40% der Marktkapitalisierung) wurde der Handel unterbrochen, und die großen Wertpapierhäuser Chinas haben sich dazu verpflichtet, dem Markt neue Liquidität zur Verfügung zu stellen.
Mit Hilfe der ergriffenen Maßnahmen wird es nun wahrscheinlicher, dass die Panik am Aktienmarkt zunächst eingedämmt werden kann. Ob und wie stark sich die Kursverluste negativ auf die Realwirtschaft auswirken werden, ist nicht konkret messbar. Aus unserer Sicht sollte der Schaden jedoch nicht allzu hoch ausfallen, denn es dürfte sich bei den erzielten Börsengewinnen maßgeblich um Phantomgewinne gehandelt haben, also Buchgewinne, die kaum jemand der Marktteilnehmer realisiert hat. Den größten (prozentualen) Schiffbruch erlitten haben diejenigen Anleger, die als letzte auf den Zug aufgesprungen sind. Beim letzten großen Aktienmarktcrash im Jahr 2007 waren die Auswirkungen auf die Realwirtschaft Chinas vernachlässigbar, allerdings wuchs damals die chinesische Wirtschaft deutlich stärker.
Heute kommt der Crash aus chinesischer Sicht zur Unzeit. Das Land hatte jüngst versucht, durch umfangreiche Reformen, speziell auch hinsichtlich der Öffnung der Kapitalmärkte, internationale Investoren in das Land zu locken. Deren Interesse an Investitionen an den Aktien- oder Anleihenmärkten dürfte vorerst deutlich gesunken sein. China muss sich nun das Vertrauen der Kapitalmärkte ein Stück weit zurück erarbeiten. Auch drohen dem Land indirekt zusätzliche finanzielle Belastungen. Sollte sich die Krise ausweiten, müsste China sicherlich stärker als heute fiskalpolitisch gegensteuern.
Quelle: http://bielmeiersblog.dzbank.de/
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