Der "atlantische Graben" scheint sich aus Sicht der Investoren auszuweiten. Während die USA und Europa gleichermaßen von der Finanzkrise betroffen waren, bestehen bezüglich der Überwindung der Nachwirkungen erhebliche Unterschiede. Daher sollten die Anleger bei der Positionierung ihrer Portfolios die "atlantische Kluft" im Auge behalten.
Zwar bestehen zwischen den USA und Europa große Gemeinsamkeiten hinsichtlich der politischen und wirtschaftlichen Systeme. Bei genauerem Hinsehen offenbaren sich aber auch erhebliche Unterschiede. Zunächst zu den Ähnlichkeiten. Auf beiden Seiten des Atlantiks verläuft die wirtschaftliche Erholung schleppend, und das nominale BIP-Wachstum reicht kaum aus, um den im Zuge der "großen Rezession" der Jahre 2008/2009 verlorenen Boden wieder gutzumachen. Die Arbeitslosigkeit liegt noch immer weit über dem Vorkrisenniveau. Außerdem haben beide Notenbanken außerordentliche Maßnahmen zur Stabilisierung des Finanzsystems ergriffen. Eine weitere Gemeinsamkeit ist der fehlende Konsens über den Umgang mit den Nachwirkungen der Krise. Sollen die Ausgaben gekürzt, die Steuern erhöht oder Strukturreformen umgesetzt werden? Die politische Debatte wird sowohl in den USA als auch in Europa immer heftiger geführt, wobei in Europa Risse unter der Oberfläche der bislang als unerschütterlich geltenden deutsch-französischen Allianz erkennbar werden.
US-Banken sind über den Berg
Nun zu den Unterschieden. Das US-Bankensystem hat sich vollständig erholt und die Finanzinstitute verfügen über eine deutlich solidere Kapitalausstattung als jene in Europa. Auf dem alten Kontinent hingegen sehen sich viele Banken aufgrund der Konjunkturschwäche und ungünstiger Trends an den Immobilienmärkten - vor allem in Spanien, den Niederlanden und Frankreich - mit höheren Kreditverlusten konfrontiert. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die US-Banken wieder in der Lage sind, Kredite zu vergeben, was für ihre europäischen Pendants nicht gilt. Darüber hinaus kommen deutlich niedrigere Energiepreise, eine höhere Arbeitsproduktivität und ein stabiles Steuerumfeld der Wettbewerbsfähigkeit der USA zugute, während in einigen europäischen Ländern, vor allem in Frankreich, die steuerliche Belastung der Unternehmen stark zunimmt. Da die Vereinigten Staaten als Standort für produzierende Unternehmen an Attraktivität gewinnen und die Löhne in den Schwellenländern ansteigen, ist die Auslagerung von Arbeitsplätzen in die aufstrebenden Länder zum Stillstand gekommen. Es ist sogar die Rede davon, dass multinationale Unternehmen wie Caterpillar und General Electric Teile ihrer Produktion wieder in die USA verlegen wollen.
Was die Geldpolitik angeht, so handelt die US-amerikanische Notenbank (Fed) proaktiv, indem sie wirtschaftliche Probleme angeht, was ihr aufgrund ihres Doppelmandats der Inflationsbekämpfung und der Förderung des Wirtschaftswachstums möglich ist. Dagegen agiert die Europäische Zentralbank (EZB) reaktiv, wobei sie nur dann über ihren Schatten springt, wenn das Überleben der Gemeinschaftswährung auf dem Spiel steht.
Die Folgen: Der US-Dollar dürfte sich letztlich aufwerten
Während sich die meisten europäischen Länder noch immer in einer Rezession befinden - was durch die schwachen Februar-Einkaufsmanagerindizes, vor allem in Frankreich, bestätigt wird -, erscheint in den USA in den nächsten sechs bis zwölf Monaten ein sich selbst tragendes Wirtschaftswachstum möglich. Das Fed wird wohl die erste der grossen Notenbanken sein, die die entgegenkommende ("akkomodierende") Geldpolitik wieder rückgängig macht, wobei eine Straffung - die derzeit nicht ansteht - nur allmählich erfolgen dürfte.
Die strukturelle Verbesserung der US-Leistungsbilanz, die zum Teil auf die steigende Bedeutung von inländischem Öl und Gas aus Schieferformationen zurückgeht, spricht für einen stärkeren Dollar. Der genaue Zeitpunkt einer grundsätzlichen Änderung des Währungskurses lässt sich nur schwer vorhersehen, zumal das Fed derzeit eine entgegenkommendere Politik verfolgt als die EZB. Dennoch könnte die Wahrscheinlichkeit einer Dollar-Aufwertung zunehmen, wenn in Europa keine Wachstumsbelebung einsetzt und/oder erneut politische Risiken aufkommen. Der Wahlausgang in Italien könnte ein Omen für eine zunehmende Opposition gegen das Mantra der Sparsamkeit sein.
Das Anlegervertrauen könnte schwinden
Im Februar zeigten sich die Finanzmärkte angesichts solider Unternehmensgewinne, vor allem in den USA und der Schweiz, im Wesentlichen stabil. Der Mittelzufluss an die Aktienmärkte setzte sich unvermindert fort. Wir gehen zwar davon aus, dass die Aktienmärkte 2013 und darüber hinaus die als "sichere Häfen" geltenden Staatsanleihen und auch Unternehmensanleihen hoher Qualität übertreffen werden, halten aber auf kurze Sicht nach wie vor eine Konsolidierung für wahrscheinlich. Da in den USA seit Anfang Jahr höhere Lohnsteuern und seit dem 1. März automatische Ausgabenkürzungen (Stichwort "Sequester") zum Tragen kommen, könnte das Wirtschaftswachstum im zweiten Quartal 2013 enttäuschend ausfallen. Außerdem könnten höhere Ölpreise den Konsum belasten.
Wir gehen davon aus, dass unter den Anleger möglicherweise eine zu hohe Zuversicht hinsichtlich der Konjunkturperspektiven in der Eurozone herrscht. Die positive Haltung in Bezug auf die Anleihemärkte der sogenannten Peripherieländer der Eurozone geht im Wesentlichen auf den "Draghi-Put", also das Versprechen des EZB-Präsidenten aus dem Jahr 2012, den Euro zu stützen, zurück. Doch die drohende Patt-Situation nach den Wahlen in Italien, zunehmende soziale Proteste gegen die Sparmaßnahmen in Spanien und Portugal und nicht zuletzt die kritische Lage in Frankreich werden die Anleger vermutlich dazu veranlassen, ihre kurzfristigen Szenarien noch einmal genau zu überdenken. Dadurch könnten sich natürlich auch Chancen ergeben. Wir sehen mittelfristig weiterhin günstige Anlageperspektiven, wobei zu beachten ist, dass sich die Finanzmärkte niemals linear entwickeln.
Christophe Bernard Chefstratege Vontobel-Gruppe
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